Wachstum ist nicht alles, aber das, was Kurse antreibt

 

Diese Überschrift gilt für alle Aktien. Wenn Gewinne (oder meinetwegen auch das Vermögen) nicht steigen, dann gibt es keinen Grund warum eine Aktie steigen sollte. Logisch, dass sich viele Investoren darauf konzentrieren, besonders wachstumsstarke Unternehmen zu identifizieren und sie in ihr Portfolio aufzunehmen. Diese Strategie kann tatsächlich sehr profitabel sein, sie kann aber auch komplett in die Hose gehen. Was gut klingt, muss in der Realität noch lange nicht gut funktionieren.

 

Das KGV vergessen wir jetzt mal

 

Diese so beliebte Kennzahl ist bei Wachstumsaktien tatsächlich ausnehmsweise mal nicht die Wichtigste. Oftmals hat man es mit Titeln zu tun, die überhaupt noch gar keinen Gewinn erwirtschaften, so dass die Zahl ohnehin sinnlos wird. Ein besonders schönes Beispiel dafür ist Amazon. Dieses ja jedem bekannte Unternehmen investiert immer noch (2014) so viel in die Ausweitung seiner Märkte, dass für die Aktionäre nichts übrig bleibt. Amazon wird in diesem Jahr vermutlich einen kleinen Verlust machen, was die Investoren inzwischen auf eine harte Probe stellt, denn so langsam sollten dann doch mal ein paar Gewinne für bessere Laune sorgen, zumal sich das Umsatzwachstum langsam aber sicher abflacht.

 

Amazon ist das typische Problem, vor dem ein Wachstumsanleger steht. Eine aktuelle Bewertung ist auf Grund der fehlenden Gewinnen nur sehr schwer möglich. Das Argument, das einen evtl. bei der Stange hält, ist das Vertrauen darauf, dass sich das in den nächsten Jahren hoffentlich ändern wird. Bei Onvista steht für 2016 ein KGV von 96 zur  Debatte, bei Finanzen.net finde ich eines von 105. Als Anleger müsste ich also darauf hoffen, dass sich erstens die erwarteten Gewinne tatsächlich einstellen, müsste aber zweitens meine Hoffnung darauf richten, dass sich anschließend, also im Jahre 2016 genug Perspektiven ergeben, dass ein solches astronomisches KGV tatsächlich gerechtfertigt erscheint. Die Hoffnung auf eine Hoffnung: Das ist mir ein Haken zu viel.

 

Vergangenes und zukünftiges Wachstum

 

Viele kaufen Aktien ja, weil sie ein Unternehmen gut finden. Amazon mag in sehr gut geführtes Unternehmen sein, von seinem Verhalten gegenüber Verlagen und Angestellten einmal abgesehen, das heißt aber noch lange nicht, dass es sich um ein gut bewertetes Unternehmen handelt. Die Prominenz von Amazon führt dagegen eher dazu, dass so ein Unternehmen deutlich überbewertet ist, was man an seinem Beispiel auch sehr gut sieht. Die meisten wirklich guten Unternehmen bekommt man daher fast nie zum Schnäppchenpreis,  meistens sind sie (jedenfalls für mich) zu teuer.

 

Meine eigene Strategie Wachstumsaktien zu finden, beruht darauf, dass ich nach Unternehmen suche, die bereits in den vergangenen ein bis drei Jahren stark gewachsen sind. Da findet man dann auch so manchen Turnaround-Kandidaten, aber das macht ja nichts: Wachstum ist Wachstum. Am liebsten habe ich es, wenn das Unternehmen bereits rentabel arbeitet, was aber keine Voraussetzung ist. KGVs von 30 und mehr dürfen einen dann  nicht stören. Wenn die Vergangenheit stimmt,  dann stimmt meistens auch die Zukunft. Prognosen traue ich mir selbst nicht wirklich zu, daher vertraue ich in diesem Punkt auf die Analysten. Hier sollte schon übereinstimmend von weiterem starkem Wachstum die Rede sein, sonst ziehe ich mich an dieser Stelle wieder zurück. Als nächstes folgt die Bewertung der Geschäftsführung. Gut wäre es, wenn man weiß, wie korrekt vergangene Prognosen gewesen sind oder ob die Geschäftsleitung in der Vergangenheit etwa regelmäßig deutlich übertrieben hat. Puschende Geschäftsführer, die ständige Euphorie verbreiten, machen mich misstrauisch.

 

Und dann kommen die drei entscheidenden Punkte:

 

Geschäftsmodell, Geschäftsmodell, Geschäftsmodell ...

 

Bei keiner anderen Strategie steht die Bewertung des Geschäftsmodels so im Mittelpunkt wie bei der Wachstumsstrategie. Es muss absolut schlüssig sein, woher das zukünftige Wachstum kommen soll.  Das hat dann aber auch zur Folge, dass man sich selbst dabei gerne überschätzt und das ein und andere Mal komplett daneben liegt. Die größte Gefahr liegt meines Erachtens darin, dass man sich gerne "Geschichten" erzählt, scheinbare Plausibilität ist der größte Feind des Aktienanlegers. Die Story klingt gut, alles scheint zusammen zu passen und dann folgt die böse Überraschung auf dem Fuße: Ereignisse, die man schlichtweg nicht sehen konnte oder die man für das Unternehmen als irrelevant eingeschätzt hat werfen alle schönen Storys über den Haufen.

 

Wie man so etwas bewertet, ist natürlich kaum pauschal zu sagen, da muss man tatsächlich in jedem Einzelfall entscheiden und bewerten. Das Risiko ist auch entsprechend hoch, aber dafür ist die Belohnung, falls man richtig gelegen hat, noch viel höher. Man sollt also niemals riesige Anteile seines Depots auf diese Weise investieren, zumal bei einem größeren allgemeinen Rückgang der Kurse an der Börse, Wachstumswerte in der Regel besonders zu leiden haben. Am besten sollte man auch etwas streuen, was aber zugegebenermaßen hier recht schwierig ist.

 

Wachstum als  Allroundkriterium

 

Wachstum für sich alleine verwende ich eher selten, auch wegen der genannten Risiken. Dafür verwende ich das zu erwartende Wachstum auch in den anderen beiden Strategien. Wenn man es schafft, eine unterbewertete Wachstumsaktie zu finden, ist man der König. Da sind dann auch schon einmal Vervielfachungen des Kurses drin. Das kommt selten vor, kann aber die Performance eines ganzen Depots retten. Ohne Wachstum sind auch Dividendensteigerungen nicht zu haben, weshalb man auch da immer ein Auge auf die Wachstumszahlen haben sollte.

 

Momentum

 

Das Momentum beschreibt, ob sich eine Aktie kursmäßig auf dem Weg nach oben befindet. Manche Investoren, die auf Wachstumswerte setzen, kaufen nur Aktien, die schon einen gewissen Kursanstieg hinter sich haben. Eine der bekanntesten dieser Investoren ist William O'Neill mit seiner bekannten Canslim Methode. Sein Buch ist auch ohne, dass man seiner Methode folgen wollte zu empfehlen. Die darin enthaltene Charttechnik benutze ich bei meinen Aktieninvestments nicht, will aber nicht bestreiten, dass viele Investoren damit gut gefahren sind.