Mechanische Strategien


Mit dieser Art Srategie meine ich alle Methoden, die auf irgendeine Art von Algorithmus setzen. Das beginnt bei der simplen "Sell in may" Strategie und hört auf bei der Herausarbeitung von ausgeklügelten Kauf- und Verkaufssignalen auf Grund von sogenannten technischen Signalen. Mit letzteren möchte ich mir erst gar nicht groß beschäftigen, denn davon verstehe ich einfach zu wenig. Allerdings gibt es durchaus Ansätze, die einer fundamentalen Auswahl von Aktien schon recht nahe kommen.


Vorteile mechanischer Strategien


Der ganz große und unbestreitbare Vorteil liegt darin, dass man die Entscheidung zum Kauf oder Verkauf sowie die Auswahl gewissermaßen automatisiert. Nicht nur Anfänger und unerfahrene Investoren sind anfällig für emotionale Entscheidungen, für Euphorie, wenn es mal richtig gut läuft und für Panik, wenn es in den Keller geht. Wie man weiß trifft dies auch sehr erfahrene Anleger und sogar Fondsmanager zu. Man kauft, wenn es mit den Aktien gerade sehr gut läuft und verkauft, wenn die Aktien ihren Tiefststand erreicht haben. Indem die Entscheidung aus der Hand des Anlegers genommen wird, werden diese krassen Fehlentscheidungen vermieden.


Der zweite große Vorteil liegt darin, dass aufwendige Recherchen, wie das Lesen langweiliger Geschäftsberichte, das Analysieren der Zahlen und Geschäftsmodelle komplett entfallen oder bei halbautomatisierten Methoden auf ein Mindestmaß reduziert werden können. Wenn ich nach einem bestimmten Muster investiere, dann muss ich in der Regel nur wenige Male im Jahr, bei einigen Modellen sogar nur einmal, mich mit meinem Portfolio beschäftigen.


Nachteile mechanischer Strategien

 

Zwar nimmt uns die Befolgung strikter Regeln beim Kauf oder Verkauf von Aktien die Entscheidung eigentlich aus der Hand, aber letztlich bewahrt uns eine solche Strategie nicht vor Dummheiten. Wissen wir es nicht vielleicht viel besser als die Methode? Ist nicht gerade die beste Chance Aktien zu kaufen? Oder sollte man nicht besser jetzt doch verkaufen, egal was das Modell uns sagt? Diesen Versuchungen nicht zu erliegen, schaffen nicht wirklich viele und bei rechtem Licht betrachtet schwindet der Vorteil, die Emotionen außen vor zu lassen, schnell dahin. Um eine mechanische Strategie wirklich konsequent zu verfolgen, bedarf es großer Disziplin, die auch dann nicht schwanken darf, wenn z.B. der Dax gerade neue Höhen erreicht, mein Portfolio aber dummerweise eine Schwächephase durchläuft. In solchen Situationen nicht aus der Strategie auszusteigen, dürfte für die meisten Investoren genauso schwer sein, wie bei normalen diskretionären Anlegern.

 

Der Hauptgrund, warum ich selbst nicht in solche Strategien einsteigen möchte, ist mein abgrundtiefes Misstrauen gegenüber statistischen Methoden in der Aktienauswahl. Man muss ja immer bedenken, dass alle diese Methoden auf Untersuchungen der Vergangenheit beruhen. Das heißt, ich muss annehmen, dass vergangene Ereignisse sich in ähnlicher Weise in der Zukunft wiederholen werden. Dieses Vertrauen fehlt mir einfach. Die Welt ändert sich ständig in einem rapiden Tempo, auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind heute doch schon ganz andere als noch vor zwanzig Jahren. Und wenn ich eine einigermaßen verlässliche Datenbasis haben möchte, dann reichen zwanzig Jahre bei weitem nicht aus, sondern es müssen mindestens 30 sein, besser noch einige mehr. Und wenn sich während dieser Zeit die Bedinungen verändert haben, wie sie es ja getan haben, dann kann ich der darauf beruhenden Statistik einfach nicht mehr glauben.

 

Allerdings gibt es meiner Vermutung nach (nein, nicht Wissen) zwei Methoden, die möglicherweise auch in Zukunft gute Ergebnisse zeitigen könnten.

 

What works on Wallstreet

 

Das ist der Titel eines sehr zu empfehlenden Buches von James P. O'Shaughnessy. Er untersucht hier, wie sich in den vergangenen 50 Jahren ein Aktienportfolio entwickelt hat, das jährlich auf Grund bestimmter Kennzahlen ausgesucht wird. Dabei werden aus einem bestimmten Pool  (z.B. alle US Aktien, nur kleine oder nur große) diejenigen gekauft, die etwa ein besonders gutes KGV, ein Kursumsatzverhältnis usw. haben. Sehr bewährt hat sich dabei die Kombination mit der relativen Stärke, man sucht also Aktien, die schon im vergangenen Jahr gut gelaufen sind und die darüber hinaus gut bewertet sind. Mit seinen meisten Modellen hätte er den S&P 500, den er als Vergleichsmaßstab nimmt, über fast alle Zeiträume größer als 5 Jahre schlagen können. Insgesamt ein recht aufschlussreiches Buch, auch für Fundamentalanleger geeignet.

 

Das wäre für mich jedenfalls eine echte Alternative zu meiner aktuellen Strategie. Besser auf jeden Fall, als die von vielen so sehr propagierten passiven Methoden. Man hätte im Prinzip nur einmal im Jahr etwas zu tun, wobei die Arbeit dann nicht zu unterschätzen ist, die richtigen Werte herauszusuchen. Aber wenn ich dann für den Rest der Zeit Ruhe habe, ist das vielleicht gar nicht mal so dumm.

 

Trendfolge

 

Die bekannteste dieser Methoden ist wohl unter dem Namen "Turtle-Strategie" bekannt geworden. Die Grundidee dabei lautet, dass man auf bestehende Trends aufspringt und sich einen feuchten Kehricht darum kümmert, woher die Trends kommen und ob das wohl einen rationalen Hintergrund haben könnte. Wer sich dafür näher interessiert, den muss ich aber an die Tiefen des Internets verweisen, dort gibt es Infos dazu genug. Ich denke mal, dass eine solche Methode durchaus funktionieren kann, aber um so etwas wirklich umzusetzen, muss man wohl die richtige Persönlichkeit sein. Auch muss man sich darauf gefasst machen, dass es immer wieder heftige "Drawdowns" geben wird, also Zeiten, in denen die Methode nicht funktioniert, man sie aber keinesfalls verlassen darf, denn niemand weiß, wann sich das Blatt wieder wenden wird. Wenn man die notwendige Disziplin und auch den Fleiß mitbringt, sich da einzuarbeiten, denke ich mal, dass das durchaus funktionieren kann.

 

Zusammengefasst

 

Auch wenn ich meine, dass etwa die O'Shaughnessy Methode oder die Trendfolgestrategie funktionieren können, kann ich mich doch nicht entschließen, diese zu  verfolgen. Ich denke mal, dass dies mehr mit der eigenen Persönlichkeitsstruktur zu tun hat, als mit rationalen Abwägungen. Ich halte es in dieser Hinsicht wie es schon Warren Buffet oder Benjamin Graham gemacht haben: Ich investiere in Unternehmen, nicht in Aktien. Zwar ist meine Perspektive nicht so langfristig wie diejenige der beiden Ikonen des Valueinvestings, doch den Grundsatz befolge ich schon. Das hat mit Statistik nur insofern etwas zu tun, dass man natürlich nie ganz genau weiß, welche nicht bilanzierten Fallstricke in den Kellern noch lauern könnten. Gewissheit gibt es leider keine.