Dividendenwachstumsstratgie

 

Um von einem Aktienvermögen leben zu können, ohne immer wieder Anteile verkaufen zu müssen, ist man auf Dividenden angewiesen. Vor allem Pensionsfonds in den USA, die zur Auszahlung der Renten an ihre Versicherten auf einen kontinuierlichen Zustrom von Liquidität angewiesen sind, legen sehr viel Wert auf verlässliche Dividenden, die nicht ohne Not von den Unternehmen gekürzt werden sollten. Inzwischen ist diese Strategie auch bei Privatanlegern stark in Mode gekommen, vor allem in den USA aber verstärkt auch hier in Deutschland. Blogs und andere Seiten im Internet über dieses Thema gibt es en Masse.

 

Zwei Dinge sind für den Dividendenjäger bzw. die Jägerin wichtig:

  1. Die Dividendenzahlung muss verlässlich sein, das Unternehmen darf also nicht willkürlich die Dividende kürzen oder sogar komplett streichen.
  2. Die Dividende sollte mindestens mit der Inflationsrate wachsen, am besten natürlich darüber hinaus.

Der Gedanke dahinter geht allerdings noch einen Schritt weiter: Indem die Dividenden permanent steigen, wächst auch die Dividendenrendite, die nun wieder die Kurse der betreffenden Aktien langfristig nach oben ziehen sollte - gewissermaßen ein Perpetuum Mobile der Börse.

 

Ein Beispiel kann das vielleicht verdeutlichen. Ein Unternehmen mit einer durchschnittlichen Dividendenredite von 3% steigert seine Ausschüttungen jährlich um 8%, was keineswegs außergewöhnlich ist. Dann würde die Dividendenrendite bei gleichbleibenden Kursen nach 5 Jahren auf ca. 4,4% (inklusive Zinseszins) ansteigen. Diese Zahl wird unter Dividendenanlegern als YOC (Yield on Cost) bezeichnet. Die kann nach vielen Jahren beträchtliche Werte annehmen: Nach 10 Jahren läge man bereits bei 6,5% und nach 15 bei 9,5%. Der Zinseszinseffekt macht sich hier deutlich bemerkbar.

Aber es geht eben nicht um die Rendite allein, sondern auch um die Kurse: Ein Unternehmen mit über 5% Dividendenrendite und guten Aussichten auf weiteres Dividendenwachstum wäre sehr attraktiv für alle Investoren. Die Kurse würden stark nach oben gehen, bis die Renditen wieder auf ein normales Maß geschrumpft wären. Das heißt, ich kann mich nicht nur über steigende Dividenden freuen, sondern außerdem über schöne Kursgewinne.

 

Beispiel Coca Cola

 

Coca Cola, um ein blindlings herausgegriffenes Beispiel zu nennen, hat seine Dividende vom Jahr 2000 bis heute (2014) von 34 Cents auf 1,22$ angehoben. Der Kurs stand Ende November 2000 (bereinigt um den 1:2 Split im Jahre 2012) bei etwa 15,5$. Das ergab damals eine magere Dividendenrendite von gerade einmal 2,2%, für einen Dividendenjäger eigentlich nicht besonders attraktiv. Heute würde man allerdings 1,22$ bekommen, bezogen auf den damaligen Kaufpreis sind das 7,9% (YOC). Jedes Jahr hat Coca Cola seine Dividende durchschnittlich um 9,6% angehoben. Das wäre ja schon allein ganz nett, aber dazu kommt, dass der Kurs von Coca Cola  sich aktuell auf rund 41 $ (Stand November 2014) gesteigert hat. Die aktuelle Dividendenrendite liegt damit wieder aktuell bei 2,8%.

 

Die wachsende Dividende treibt den Kurs, so scheint es, aber das ist natürlich ein Trugschluss, denn dann hätte man tatsächlich das finanzielle Perpetuum Mobile erfunden bzw. den berühmten "Free Lunch" vor sich. Denn um die Dividende zu erhöhen braucht es natürlich die entsprechenden Gewinne. Auch ein Unternehmen wie Coca Cola kann kein Geld drucken, sondern muss es am Markt verdienen. Erhöhungen der Dividende sind auf Dauer für ein Unternehmen nur dann verkraftbar, wenn auch der Gewinn in entsprechendem Maße ansteigt. Schade eigentlich, dabei hat es sich so gut angehört!

 

Dividendenwachstum gibt es auf Dauer nur bei Gewinnwachstum

 

Aus diesem Grund schauen Dividendenanleger auf der einen Seite immer auch auf die Auszahlungsquote, d.h. wie groß ist der Gewinn und welcher Anteil davon wird an die Anleger ausgeschüttet. Je kleiner diese Quote, desto besser, denn dann gibt es eine Reserve für schlechte Zeiten, in denen der Gewinn des Unternehmens nicht mehr steigt oder gar fällt. Gute Dividendenzahler werden sich hüten, in solchen Zeiten die Dividende nicht zu erhöhen oder gar zu kürzen, denn das gilt als ein Alarmsignal und würde den Kurs umgehend abstürzen lassen. Also gilt für die Unternehmen:  Die Zähne zusammenbeißen und weiterzahlen. 

 

Coca Cola hat 52 Jahre in Folge seine Dividende erhöht und das machen sie in diesem Jahr genauso, obwohl aktuell die Gewinne leicht zurückgegangen sind. Lag die Ausschüttungsquote 2013 noch bei 54%, so ist sie 2014  auf fast 60% angestiegen. Auf Dauer würde das natürlich nicht gutgehen, aber Schwächeperioden gibt es bei allen Unternehmen und sind nicht unbedingt etwas Schlimmes, solange sie eben nur vorübergehend sind. Ob das so ist, weiß man natürlich nie.

 

Auf den Cashflow achten

 

Die Auszahlungsquote bezieht sich auf den Bilanzgewinn, bezahlt wird die Dividende aber aus den liquiden Mitteln. Daher ist es genauso wichtig, sich den Cashflow des Unternehmens anzusehen. Denn die Dividende wird bar bezahlt und nicht aus eventuellen Buchgewinnen in der Bilanz. Vor ein paar Jahren hat man etwa der Deutschen Telekom vorgeworfen, mehr Dividenden auszuzahlen als sie Gewinn machte, quasi also von der Substanz zehrte. Das war aber nur bedingt korrekt, denn das Unternehmen hatte so hohe Abschreibungen in der Bilanz, dass der Cashflow deutlich höher lag und locker ausreichte, um die Dividenden auszuzahlen. Daher gilt es für den Dividendenanleger, immer auch einen Blick auf den Cashflow zu werfen, um sich ein besseres Bild zu machen, wobei hier natürlich kurzfristige Effekte berücksichtigt werden müssen, die beim Cashflow deutliche Spuren hinterlassen können.

 

Dividendenaristokraten

 

In den USA haben Dividendenaktien eine viel längere Tradition als hierzulande. Das zeigt sich schon daran, dass Unternehmen in Übersee ihre Anleger in der Regel vierteljährlich mit ihren Auszahlungen beglücken. Dazu gibt es dort Listen von Unternehmen, die seit mindestens 25 Jahren ihre Dividende kontinuierlich erhöht bzw. nicht gesenkt haben. Diese Unernehmen nennt man Dividendenaristokraten. Warum sind diese Aktien so attraktiv? Weil man sich darauf verlässt, dass ein Unternehmen, das bereits 25 Jahre oder mehr verlässlich seine Investoren ausgezahlt hat, dies auch in Zukunft tun wird. Das hat die vergangenen Jahrzehnte tatsächlich gut funktioniert. Blind die Liste abkaufen sollte man natürlich auch nicht, sondern sich die einzelnen Unternehmen ganz genau ansehen. Da sind auch viele Dinosaurier dabei, die nur noch wenig abwerfen. Es ist für einen Anleger einfach nur ein Vertrauen erweckendes Element, wenn sich das Unternehmen seiner Wahl auf dieser Liste befindet, nicht mehr und nicht weniger.

 

Der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach.

 

Wer sich für Dividendenaktien interessiert, sucht sich seine Unternehmen also nach zwei wesentlichen Kriterien aus:

  1. Es handelt sich um stabile Unternehmen, die schon länger Dividenden auszahlen und zu deren Geschäftspolitik es gehört, dies weiterhin zu tun.
  2. Die Unternehmen streben es an und haben es in Vergangenheit bewiesen, dass sie ihre Dividenden kontinuierlich anheben.

Wer sich die Unternehmen anschaut, bermerkt schnell, dass diese beiden Kriterien sich in gewisser Weise gegenläufig verhalten. Ein Unternehmen, das stark wächst und von daher auch seine Dividenden voraussichtlich stark wachsen lässt, wird nicht für den gleichen Preis zu haben sein, als einer dieser alten Riesentanker aus der Aristokratenliste, die momentan vielleicht nicht so stark wachsen, dafür aber eine attraktive Dividendenrendite aufzuweisen haben.

Gegen ein Unternehmen wie Consolidated Edison (ED), ein Versorger aus den USA, wäre Coca Cola (KO) beispielsweise ein Unternehmen mit starkem Dividendenwachstum. ED zahlt aktuell 4% Rendite, steigert die Dividende schon seit langem aber nur marginal mit weniger als einem Prozent pro Jahr. KO zahlt  aktuell nur 2,8%. Bei einer angenommenen Wachstumsrate von 8%  müsste ein Investor 5 Jahre warten, bis sein Ertrag den von ED erreicht hätte. Es ist natürlich zu erwarten, dass der Kurs der KO-Aktie ebenfalls ansteigt, denn im Durchschnitt liegt die Dividendenrendite von Coca Cola um die 3%. Dagegen dürfte sich ED nur wenig bewegen, denn der Einnahmestrom ist zwar kontinuierlich, aber nicht gerade stark wachsend. Ob das dann aber tatsächlich so eintrifft, ist natürlich das Risiko, das der Investor eingeht. Der Spatz in der Hand wäre also hier ED, während die Taube auf dem Dach KO ist, von der man nur hoffen kann, dass sie ihre Ziele erreicht.

 

Gesamtperformance = Dividendenrendite + Gewinnwachstum?

 

Manche Anleger addieren die Dividendenrendite mit der zu erwartenden Wachstumsrate, um sich eine Gesamtrendite für das nächste Jahr zusammenzubasteln. Das klingt eigentlich nicht schlecht, bedingt aber, dass die Prognosen auch eintreffen, was aber, da hier die Zukunft gehandelt wird, nicht unbedingt auch der Fall sein muss. Als Faustformel benutze ich diese Rechnung auch und versuche damit zu erkennen, ob das Unternehmen in Bezug auf sein KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis) einigermaßen fair bewertet ist.

 

Für diesen ominösen fairen Wert gibt es noch weitere Methoden, meistens indem zukünftige Erträge (z.B. Cashflows oder Dividenden) diskontiert und  damit auf den gegenwärtigen Wert zurückgerechnet werden. Bei diesen Berechnungen sollte man aber immer im Hinterkopf haben, dass die Ergebnisse immer nur so gut sein können, wie die Zahlen, die ich als Grundlage verwendet habe. Und wenn die schon auf Prognosen beruhen, ist mir der Unsicherheitsfaktor viel zu groß und ich verlasse mich lieber auf meinen gesunden Menschenverstand.

 

Oder ist der Kurswert egal? DRIP und mehr.

 

Wenn ich darüber rede, dass die steigende Dividende (bzw. der steigende Gewinn) den Kurswert nach oben zieht, dann muss ich natürlich auch die große Gemeinde der Dividendenanleger einbeziehen, die sagen, dass ihnen der Kurswert ihrer Aktien komplett egal ist. Ihnen kommt es allein auf die Dividenden an. Während der Ansparphase werden die Dividenden in neue Aktien investiert, wobei man sich dann schon die günstigste Gelegenheit heraussucht. Diese Aktien werden dann niemals verkauft. Dieser Investorentyp ist im Gegenteil gar nicht so sehr an steigenden Kursen interessiert, denn dann müsste er ja mehr Geld für neue Aktien aufwenden. Diese Philosophie hat einen großen Vorteil: Crashszenarien werden viel besser verkraftet, zumal ja auch in diesen Zeiten nicht nur die Dividenden weiter fließen, sondern sogar noch erhöht werden.

 

In den USA gibt es für solche Anlegertypen sogenannte DRIPs: Dividend-Reinvesting-Programms. Ähnlich wie bei Aktiensparplänen werden dabei automatisch alle anfallenden Dividenden von der Bank wieder in Aktien desselben Unternehmens investiert. Auf diese Weise profitiert man automatisch vom Zinseszinseffekt. Ich frage mich warum der Staat in Deutschland, anstatt einer ineffektiven Riesterrente nicht einfach solche Programme steuerlich fördert und z.B. von der Kapitalertragssteuer befreite. Das wäre in meinen Augen jedenfalls eine wirksamere Methode des Sparens für das Alter als jede andere, die ich kenne. Aber das ist ja nur meine ganz bescheidene Meinung.

 

Meine persönliche Zusammenfassung

 

Ob man jetzt größeren Wert auf eine aktuell hohe Dividendenrendite legt oder aber das Wachstum der Dividende höher bewertet, hat auch etwas mit der Lebenssituation zu tun. So lange ich nicht in Rente gehe und teils von meinen Dividenden leben muss, lege ich mehr Wert auf das Wachstum. Das kann sich mit den Jahren dann veschieben, denn dann hat man nicht mehr so viel Zeit auf Dividendenwachstum zu warten. Auf ein starkes Dividendenwachstum zu setzen, ist fast schon eine Form der normalen Growth- bzw. Wachstumsstrategie. Hier gehen die Strategien doch sehr ineinander über.