Die Tücken der Rechnungslegung (nicht nur) bei  Schweizer Electronics

Wie angekündigt, hat sich Schweizer Electronics dazu durchgerungen, nach den internationalen Standards des IFRS zu bilanzieren und nicht mehr nach dem guten alten Handelsgesetzbuch. Ursache sind die vielen Niederlassungen im Ausland, so dass kein Weg mehr daran vorbei ging. Nachdem bereits im Februar  vorläufige Zahlen, ermittelt nach dem HGB, für 2015 herausgegeben wurden, ist dies nun für die Zahlen nach IFRS ebenfalls geschehen. Abgesehen von den Informationen über Schweizer Electronics, gibt mir dies eine schöne Einsicht, wie unterschiedlich Werte und Gewinne gesehen werden können, je nachdem nach welchen Regeln sie bestimmt werden.

 

Die Zahlen von Schweizer sind im vorläufigen Bericht recht dürftig und einiges ist nur im vorläufigen HGB Bericht zu lesen. Der endgültige zertifizierte Geschäftsbericht kommt erst Ende des Monats und dann gibt es mehr Details. (Dabei fällt mir übrigens auf, dass ich noch keine wirkliche Analyse von Schweizer geschrieben habe, das wird demnächst nachgeholt) Vorerst nur so viel: Das Unternehmen beziffert den avisierten Umsatz für 2016 auf rund 120 Mio. Euro, also 5 Mio. höher als im letzten Jahr. Inwieweit das neue Werk in Vietnam zum Gewinn beiträgt oder beitragen wird, wird nicht gesagt. Der Auftragsbestand ist um erfreuliche 25% gestiegen. Soweit die Kernpunkte. Jedoch: Die Umstellung auf IFRS hat zur Folge, dass der Gewinn kleiner wird und sich z.B. das KGV erhöht. Wie das?

 

Was unterscheidet das HGB vom IFRS-Standard?

Alle international tätigen Unternehmen müssen ihre Abschlüsse inzwischen nach den internationalen Standards IFRS vorlegen. In Deutschland müssen sie der Versteuerung halber allerdings auch noch einen Abschluss nach HGB machen. Die meisten mittleren und kleineren Unternehmen in Deutschland sparen sich den Doppelaufwand und bilanzieren nur nach HGB, weil sie es für die Steuer sowieso machen müssen. 

 

Im HGB orientiert man sich an den Grundsätzen des „vorsichtigen Kaufmanns.“ Habe ich zum Beispiel ein Grundstück erworben, so wird es zum Kaufpreis in die Bilanz gestellt und nicht mehr. (Die Wirklichkeit ist ein "klein wenig" komplizierter, aber darum brauchen wir uns hier nicht zu kümmern.) Auch wenn das Grundstück inzwischen ein Mehrfaches wert sein sollte, so steht es noch immer nur mit dem Kaufpreis in der Bilanz. Umgekehrt, also eine Abschreibung, weil der Wert des Grundstücks gefallen ist, ist allerdings vorgeschrieben (Niedrigstwertprinzip). In Deutschland gab es daher früher in den Unternehmen oft sogenannte stille Reserven, also zu niedrige Bewertungen von Vermögensgegenständen, die man dann verkaufen und damit den Gewinn aufhübschen konnte, wenn es nötig schien. Zumindest bei den Großen bzw. Internationalen ist das vorbei – jedenfalls zum Teil.

 

Gemäß IFRS werden die Vermögensgegenstände nämlich gemäß ihrer aktuellen Verkaufswerte bewertet (jedenfalls im Prinzip). Das bedeutet z.B. für Schweizer Electronics, dass sich das Konzernvermögen von 87,7 Mio. Euro auf 119,1 Mio. Euro erhöht, einfach so. Das Eigenkapital steigt von 51,5 Mio. auf 67,5 Mio. Euro. Eigentlich nicht schlecht, doch hat das Ganze eine Kehrseite: Auf höhere Bewertungen werden auch höhere Abschreibungen fällig und das drückt den Gewinn deutlich. Allein für 2015 sind dies rund 3,8 Mio. Euro an zusätzlichen Abschreibungen. Aber ist das Unternehmen damit jetzt weniger wert? Wohl kaum.

 

Alles ist relativ

Dass die Unterschiede so groß ausfallen, hätte ich nicht gedacht. Mir zeigt das vor allem eines: Dass man Unternehmen, die nach unterschiedlichen Standards bilanzieren, nicht so einfach vergleichen kann. Und wenn man sie trotzdem vergleichen will, muss man einen tiefen Blick in den Anhang werfen und sich genau anschauen, was da zu welchem Wert in die Bilanz eingestellt wurde. Mühsam.

 

Trotzdem halte ich die Umstellung der Bilanzierung von Schweizer nach IFRS für gut, auch wenn das den Vergleich der aktuellen Zahlen mit den Vorjahren erschweren wird. Aber dafür werden jetzt Schweizer Electronics und andere mit gleichen Maßstäben gemessen. Auch finde ich IFRS im Großen und Ganzen fairer, denn die Unternehmen können nicht einfach so Werte verstecken und dann überraschend wieder hervorkramen. Dafür müssen natürlich Schwankungen im Unternehmenswert in Kauf genommen werden, aber das liegt in der Natur der Sache. Dass die Unternehmen einen sehr weit reichenden Spielraum bei der Bewertung ihres Vermögens haben, ist der ganz große Nachteil bei IFRS, der die Vorteile meiner Meinung aber nicht gänzlich aufhebt.

 

Problemfall Versicherer: Die Tücken von IFRS bei Finanzanlagen

Bei den Versicherern und anderen Finanzunternehmen führt die Bilanzierung nach IFRS aktuell dazu, dass die von ihnen gehaltenen festverzinslichen Wertpapiere wegen des gesunkenen Zinsniveaus stark an Wert gewonnen haben. Das hat den Gewinn deutlich steigen lassen. Das nützt den Unternehmen nur leider nichts. Denn sie sind gezwungen einen großen Teil ihres Vermögens in solche Titel zu investieren und wenn sie sie mit Gewinn verkaufen, müssen sie neue mit niedrigerer Verzinsung dafür kaufen, womit zwar ein aktueller Gewinn verbucht wird, aber auf Kosten des zukünftigen. Also halten sie diese Papiere meistens bis zur Endfälligkeit, so dass die aufgelaufenen Buchgewinne wieder verschwinden werden.

 

Dabei hätten sie sogar die Möglichkeit der Wahl: Sie dürfen nach IFRS ihre Wertpapiere als bis zur Endfälligkeit zu haltende einstufen und dann die Kursgewinne dieser Anleihen ignorieren, nur tun sie das nicht, bzw. nur im geringen Umfang. Also alles nicht ganz einfach zu durchschauen. Jedenfalls ist diese Intransparenz und Inkonsistenz in der Geschäftspolitik einer der Gründe, derentwegen ich keine Versicherer bzw. Rückversicherer kaufe. Allerdings müssen sie ja auch Abschlüsse nach HGB vorlegen, aber die Mühe mich auch dadurch zu wühlen bzw. die Abschlüsse überhaupt zu finden, mache ich mir dann doch nicht.

 

Zusammengefasst

Grundsätzlich haben beide Methoden ihre Vor- und Nachteile und es kommt wohl tatsächlich darauf an, welche Unternehmen man vor sich hat, um zu entscheiden wie fairer zu bilanzieren ist. Die vielen Freiheiten bei IFRS bei der Wertermittlung heben jedenfalls die Vorteile einer transparenteren Bewertung gegenüber HGB teilweise auf. Grundsätzlich finde ich die Idee bei IFRS besser, aber sie ist einfach zu unscharf festgelegt. Aber letztlich habe ich das sowieso nicht zu entscheiden und muss mich dementsprechend weiterhin mit beiden Formen und ihren Nachteilen herumschlagen.

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Kommentare: 4
  • #1

    Schildkröte (Mittwoch, 13 April 2016 09:59)

    Hallo Christian!

    Ich kann mich noch grob daran erinnern, dass die Commerzbank 2012 nach HGB einen Verlust und nach IFRS einen Gewinn auswies. Nachtigall, ick hör dir trapsen.

    Im Gespräch mit einem Branchenkenner erzählte mir dieser mal, dass sich Unternehmen gerne "arm" rechnen, um Steuern zu sparen. Hingegen sei es besorgniserregend, wenn manche Unternehmen stattdessen ihre Bilanz aufblähen. Deshalb verwendet ein WPFler die Kennzahl Bilanz/Cashflow.

    Das KGV ist sicher eine wichtige, aber eben auch nicht die einzig entscheidende Kennzahl. Umsatz und Cashflow sind genauso wichtig. Wobei es beim Cashflow ja ebenfalls verschiedene Angaben gibt. Ich schaue mir Kennzahlen auf jeden Fall an, mache jedoch keine Wissenschaft draus. Das Geschäftsmodell, die Zukunftsaussichten und bei den Aussagen vom Management zwischen den Zeilen zu lesen, solche Soft Skills sind mir wichtiger.

    Du hattest doch vor kurzem noch die Hannover Rück im Depot. Jetzt sind Dir (Rück-)Versicherer nichts mehr? Das mit der Bewertung von Wertpapieren im Bestand ist natürlich so eine Sache, sollte allerdings nun nicht unbedingt das einzige Ausschlusskriterium sein.

    Gepanzerte Grüße

  • #2

    Christian (Freitag, 15 April 2016 11:25)

    Man muss halt wirklich oft zweimal hingucken, wenn man eine Bilanz/Geschäftsbericht liest. Früher glaubte ich noch, im Anhang stehe nichts Wichtiges, aber Irrtum.

    In Bezug auf die Bewertung niedrig verzinslicher Wertpapiere bei Zinserhöhungen stand gerade etwas Interessantes im Handelsblatt: Frankreich hat eine Anleihe mit ca. 2% und einer Laufzeit von 50 Jahren emittiert. Bei einer Zinserhöhung um 1% würde das Papier ein Drittel bis die Hälfte seines Wertes verlieren (ich habe leider die genaue Zahl vergessen). Insgsamt wurden 3Mrd. € emittiert und insgesamt war die Anleihe zweifach überzeichnet. Ich frage mich, wer so etwas kauft.

    Um bei Hannover Rück zu einem fundierten Urteil zu kommen müsste man sich das Anleiheportfolio mal ganz genau anschauen. Aber das ist halt wirklich eine mühsame Sache.

  • #3

    Schildkröte (Samstag, 16 April 2016 11:07)

    Hm, andererseits können (Rück-)Versicherer bei früher oder später steigenden Zinsen auch wieder höhere Kapitalanlageergebnisse erzielen. Welche Kennzahl ist aussagekräftiger für eine Versicherungsaktie, das KBV oder das KGV? Im Schnitt notieren Bank- und Versicherungsaktien zu einem KBV von 1 und einem KGV von 10. Bei einem niedrigeren Buchwert infolge sinkender Anleihekurse würde der Buchwert und somit der Aktienkurs sinken. Natürlich würden entspr. Wertberichtigungen auch den Gewinn drücken. So eine Wertberichtigung ist jedoch nicht cashwirksam. Und bei anschließend steigenden Zinsen bzw. Kapitalanlageergebnissen würden ja auch wieder die Gewinne steigen, was sich KGV-technisch positiv auf den Aktienkurs auswirken müsste. In den USA sind die langfristigen Zinsen ja bereits wieder gestiegen. Ich werde mir bei Gelegenheit mal anschauen, ob und welche Auswirkungen das auf die dortigen Versicherer hat. Selbst habe ich die AXA als Erstversicherer im Depot und beobachte Rückversicherer wie Munich Re, Swiss Re und Hannover Rück. Des Weiteren habe ich diesen Rentenfonds im Depot:

    http://www.finanzen.net/fonds/Templeton_Global_Total_Return_Fund_A_Ydis_EUR

    Den bespare ich monatlich. Der Fondsmanager Dr. Hasenstab gilt als Meister seines Faches. Er legt derzeit stark in Schwellenländern an. Die Coupons laufen auf $, so dass die hohen Inflationen in solchen Ländern nur bedingt Einfluss auf den Fonds haben. Von wieder steigenden Zinsen in den Industrienationen kann der Fonds ebenfalls profitieren, da er westliche Währungen shorten darf. Okay, der Fonds ist nicht ganz unriskant. Deshalb habe ich mich diese Woche mal nach einem defensiveren Rentenfonds umgeschaut. Unter anderem stieß ich auf diesen Fonds:

    http://www.finanzen.net/fonds/Allianz_Euro_Rentenfonds__-_A_-_EUR

    Die Länderaufteilung ist nicht ganz ohne:

    30,20% Italien
    19,40% Spanien
    15,90% Frankreich

    Hätte ich da nicht ein ganz schönes Klumpenrisiko, wenn diese drei Länder rund 2/3 vom Fondsvolumen ausmachen? Selbst wenn man Frankreich außen vor lässt, machen Italien und Spanien gut die Hälfte aus.

    Sorry, wenn ich hier über Anleihen schreibe. An sich ist das ja ein Aktien-Blog. Aber neben Aktien gibt es schließlich auch noch andere Möglichkeiten der Geldanlage. Leider sind diese nur oft wenig rentabel.

  • #4

    Christian (Dienstag, 19 April 2016 12:36)

    Tja mit Versicherungen kenne ich mich nicht wirklich aus. Vielleicht irre ich mich ja mit meiner Einschätzung gewaltig. Die Bewertung der Anlagen und Gewinne ist nicht ganz einfach.

    Rentenfonds finde ich aus den oben genannten Gründen riskant, wobei die aktiv gemanagten vermutlich noch besser sind, als die ETFs, die den Kursrisiken gewissermaßen hilflos ausgesetzt sind. Ich würde vermutlich eher in einzelne Anleihen gehen und diese dann bis zur Endfälligkeit halten. Dann sind die Kursrisiken egal.

    Entschuldige bitte die Verzögerung, aber es gab ein paar Hinderungsgründe ...