Investments in die  Pharmaindustrie

Meine kleinste Depotposition Paion habe ich immer etwas unter den Tisch fallen lassen. Nachdem es in der letzte Woche eine etwas kuriose Kursentwicklung gegeben hat, dachte ich mir, dass ich das zum Anlass nehmen könnte, über die Chancen aber auch speziell die Risiken des Investments in Pharmatitel zu schreiben. Die größeren wie Roche oder gar Gilead schauen sich ja schon Dividendenjäger an. Bei Roche mag das noch angehen, aber schon bei Gilead bewegt man sich da auf unsicherem Boden. Wenn sich jemand damit auskennt, kann er damit sicher viel Geld verdienen, aber selbst dann muss man damit rechnen, dass vieles schief geht. Viele überschätzen sich dabei. Und zu glauben, dass man hier mit den üblichen Methoden der Aktienbewertung weiterkommt, ist ein Irrtum.

 

Vom "One-Trick-Pony" zum Megakonzern

Paion gehört definitiv in die erste Kategorie. Roche als klassisches Gegenbeispiel in die zweite und genauso Johnson und Johnson. Und wie man sich denken kann: Je kleiner, desto riskanter, aber auch desto größer die Chancen. Am wenigsten riskant ist wohl Johnson und Johnson, die neben dem Parmageschäft auch noch Konsumartikel verkaufen. Bei Roche muss man schon mehr aufpassen, zumal die sich in letzter Zeit in eine bestimmte Ecke des Pharmamarktes bewegt haben. Da sollte man schon ein Auge darauf haben, was in der Produktpipeline steckt. Allerdings sind  die "Großen" zunehmend auf die "Kleinen" angewiesen, denn in den kleinen neugegründeten Unternehmen werden oft die innovativsten Ideen verfolgt. Und wenn die sich als erfolgversprechend erweisen lässt das erste Übernahmeangebot meist nicht lange auf sich warten. Das ist dann der Augenblick, in dem ein mutiger aber vor allem auch glücklicher Investor Kasse machen darf. Ein Unternehmen, das lange Zeit fast nur von Übernahmen gelebt hat, ist z.B. Pfizer.

 

Drei Beispiele: Paion, Epigenomics und Morphosys

Als Aktionär muss man leidensfähig sein, als Aktionär von kleinen Pharmatiteln ist dagegen fast schon Masochismus gefragt. Als Beispiel die 3 bzw. 5 Jahrescharts der drei oben genannten Titel:

 Paion                                                                                           Epigenomics                                                                            Morphosys

 (zum Vergrößern klicken, Charts von finanzen.net)

 

Was auffällt sind die vielen meist senkrecht verlaufenden Auf- und Abschläge. Da sind in der Regel Nachrichten die Kurstreiber. Bei Paion sieht man da nur einen ganz schmalen Zacken in der letzten Woche, als erst eine schlechte und drei Tage später eine gute Nachricht kam. Kusgewinne und Verluste sind dann in der Regel zweistellig (um die 50% und mehr). Epigenomics habe ich übrigens auch schon mal besessen und damit üble Verluste gemacht. (Man schaue sich den Absturz vor drei Jahren an.) Im Gegensatz zu den beiden ersteren ist Morphosys ja beinahe schon als etabliert zu bezeichnen, allerdings macht das Unternehmen auch heute noch nur im Ausnahmefall (2015) Gewinn. Den Hype um das Jahr 2000 habe ich gnädigerweise mal weggelassen.

 

Alles oder nichts

Bei den kleinen Unternehmen handelt es sich fast immer um One-Trick-Ponys. Sie besitzen das Patent auf einen einzigen Wirkstoff oder ein Verfahren und das Wohl und Wehe hängt davon ab, ob sie diesen Wirkstoff durch die Zulassung bringen. Für normale Medikamente sind dazu 3 Stufen notwendig, in denen das Medikament am Menschen getestet wird. Das Problem dabei ist, dass das Risiko kaum von einem Außenstehenden abzuschätzen ist, es sei denn er ist direkt an der Materie dran. Dazu kommen immer wieder unvorhersehbare "Katastropen" und andere Friktionen. Bei Epigenomics, deren Produkt jetzt wohl tatsächlich kurz vor der Zulassung steht (nach fast 20 Jahren Entwicklung und ungezählten Kapitalerhöhungen), brach der Kurs im Herbst ein, als in den USA zusätzliche Dokumente angefordert wurden, wogegen Epigenomics Widerspruch einlegt und gewonnen hatte, woraufhin der Kurs zum Jahreswechsel wieder die alte Höhe erreichte. Wer da zur Absicherung einen Stop-Loss gesetzt hatte, dürfte sich maßlos ärgern.

 

Warum ich mir trotzdem zutraute in die beiden Unternehmen zu investieren hatte sehr persönliche Gründe. Bei Epigenomics kannte ich einen der Entwickler der ersten Stunde persönlich und hatte großes Vertrauen in seine Fähigkeiten. Auch handelt es sich bei dem Produkt von Epigenomics nicht um ein Medikament, sondern um ein Testverfahren, was die Zulassung enorm erleichtern sollte - glaubte ich. Irgendwann verlor ich einfach die Geduld  und habe meine Investition abgeschrieben und verkauft. In das Investment bin ich meiner Ansicht nach viel zu naiv hineingestolpert.

 

Auf Paion kam ich durch einen Hinweis. Das Produkt ist ein Schmerz- bzw. Betäubungsmittel, das aktuell in der Phase drei in den USA getestet wird und als Ersatz für das bei Darmspiegelungen gebräuchliche Propofol (Micheal Jacksons Todesdroge) dienen soll. Propofol ist nicht ganz einfach zu dosieren und muss bei der Anwendung gut überwacht werden, weshalb in den USA vorgeschrieben ist, dass ein zweiter Arzt die Atmung usw. überwacht. Mit dem Mittel von Paion (Remimazolam) könnte das entfallen. Der persönliche Grund für mein Engagemant ist ein Todesfall, den ich aus erster Hand geschildert bekommen habe. Dabei ist ein Patient bei einer Darmspiegelung unter Einwrikung von Propofol durch fehlende Überwachung verstorben. Man hört, dass die Leute froh wären, wenn es eine Alternative zum Propofol gäbe.

 

In allen anderen Fällen kann ich jedoch nur abraten, in solche Unternehmen zu investieren. Das kann nur derjenige, der seine Investitionen diesbezüglich streuen kann. Alles andere ist reines Glücksspiel. Alles dauert immer viel länger, asl man denkt und  es wird immer mal wieder eine Kapitalerhöhung zwecks Finanzierung des laufenden Betriebs veranstaltet. Eine Alternative ist ein Unternehmen wie BB Biotech, die ihrerseits gestreut in solche Unternehmen investieren. Und wer sich von meinen Worten nicht abschrecken lassen will, der sollte doch vielleicht mal einen Blick in die einschlägigen Foren von Wallstreet Online werfen. Da gibt es neben einigen wenigen vertrauenswürdig klingenden Stimmen sehr viel mehr, die offenbar von der Materie keine Ahnung haben.

 

Die Großen: Roche oder Gilead

Hier sieht die Sache schon wieder anders aus. Die großen Pharmaunternehmen streuen quasi in sich selbst, indem sie eine ganze Reihe von Projekten verfolgen, von denen zwar ein Großteil niemals Marktreife erhalten wird, die anderen aber dann um so profitabler sein werden. Das grundsätzliche Risiko wird mit einem ziemlich niedrigen KGV bestraft, denn es kann immer wieder einmal vorkommen, dass Medikamente reihenweise am Ende doch noch scheitern oder es gar in der Anwendung zu Problemen kommt. Das ist auch der Grund dafür, warum für Gilead aktuell so wenig bezahlt wird. Die Pipeline ist eher klein, dafür aber mit sehr chancenreichen Wirkstoffen gefüllt. Falls alles klappt, winkt ein hoher Gewinn, wenn nicht, sind alle Prognosen Makulatur. Gilead als Dividendenwert zu betrachten, ist eine ziemlch riskante Sicht der Dinge.

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Wumbata (Sonntag, 14 Februar 2016 14:01)

    Hallo Christian,
    danke für Deinen Artikel, der eine starke persönliche oder auch berufliche? Nähe zu medizinischen Fragen und vor allem hohe Sachkenntnis verrrät.
    Im WPF bist Du offenbar als "pteppic" unterwegs und hast schon öfter Aktienkäufe von Tutti kommentiert, die jetzt ihre Bestände von St. Jude Medical aufgestockt hat. Medizintechnik gehört zwar nicht zum Bereich Pharma Deines Artikels. Dennoch meine Frage, hast Du Dich mit dem recht deutlich zurückgekommenen Titel schon einmal beschäftigt?
    Die Firma, die sich nach dem Apostel Judas Thaddäus als Schutzheiliger für aussichtslose Fälle, benannt hat, ist in den letzten Jahren m. E. in erster Linie durch sehr gezielte Zukäufe gewachsen und hat zuletzt (Oktober 20159 Thoratec übernommen, die u. a. Herzunterstützungssysteme (sog. VAD`s) produzieren. Letztere werden meines Wissens mangels ausreichend Spenderherzen u. a. in Deutschland verstärkt implantiert.
    Hat sich St. Jude Medical bei der Übernahme übernommen oder gibt es andere Gründe für die Kursschwäche?

  • #2

    Bastian (Sonntag, 14 Februar 2016 23:29)

    Hej Christian!

    Vielen Dank wieder einmal für einen sehr interessanten Beitrag. Vielleicht darf ich einen ganz platten Gedanken zu Gilead in den Raum werfen? Sollte es tatsächlich so sein das deren Cash Cow Sovaldi eines Tages nicht mehr die bisherigen Gewinne abwirft und auch die übrigen Wirkstoffe in der Pipeline alle versagen (also nicht zugelassen werden), - wäre die Gefahr einer Pleite nicht trotzdem gering?

    Gilead verfügt über hohe liquide Mittel (letzter mir bekannter Stand ~25 Mrd Dollar) und ein recht gutes Rating, die könnten sich neue gute Wirkstoffe doch einfach durch Übernahmen einkaufen und Ihre zukünftigen Gewinne aus der Arbeit von anderen ziehen?
    Zudem glaube ich, dass bei einem aktuellen Forward P/E von 7 keine besonders hohen erwarteten zukünftigen Gewinnsteigerungen eingepreist sind. Sollten die Gewinne also vorerst stagnieren (z. B. durch den Verlust nach Marktanteilen und/oder Margen durch Merck's Zulassung Ihres neuen Hep-C Medikaments) dann dürfte sich ohne Einflüsse von aussen (politische, etc.) am Kurs doch nicht viel verändern?

    Ich denke hier natürlich sehr einfach... Was spricht aus deiner Sicht gegen den Gedanken, dass GILEAD mittlerweile vielleicht einfach "too big to fail" ist? Die Punkte Sippenhaft bei Biotech oder Bearmarket müssen uns dabei ja gerade nicht berühren... ;)


    Beste Grüße

  • #3

    Christian (Montag, 15 Februar 2016 10:12)

    @Wumbata: Genaau ich bin der pteppic aus dem WPF. Danke für die Blumen, aber ien Fachmann bin ich noch lange nicht. Und gerade in Sachen Medizintechnik kaue ich noch auf meinem Fehlinvestment AAP Implantate herum. Mit St. Jude kenne ich mich nicht aus. Auf dem Papier und nach den Zahlen sehen sie ja ganz gut aus. Allerdings ist der Gewinn im letzten Jahr gefallen, worauf evtl. der Kursverfall zurückzuführen ist. Warum der Gewinn zurückgegangen ist, weiß ich nicht und auch nicht, ob da nicht noch etwas anderes im Busch ist. Da bleibt dir wohl ur die mühsame Recherchearbeit.

    @Bastian: Ich glaube ja eigentlich auch, dass Gilead zu weit nach unten geprügelt wurde. Und von einer Pleite kann ja wohl kaum die Rede sein. Es ist nur so, dass das Geschäftsmodell von Gilead nicht planbar ist, wie z.B in gewissem Umfang bei Roche. Als Investment in eine interessante Pharmafirma mit einem begrenztem Portfolio sicher eine interessante Sache, sofern man weiß worauf man sich einlässt. Aber eher nichts für ein Dividendendepot. Das wollte ich damit eigentlch nur sagen.

  • #4

    Schildkröte (Montag, 15 Februar 2016 21:59)

    Hallo Christian,

    Pharma und Biotech sind ein spannendes Thema. Das Portefeuille von Johnson & Johnson teilt sich etwa zu 40:40:20 in Pharma, Medizintechnik und Konsumgüter auf. Pharma und Biotech im Detail sind ein schwieriges, wenngleich chancenreiches Thema. Wer nicht näher mit der Materie vertraut ist, sollte auf breit aufgestellte Unternehmen wie JNJ, BB Biotech & Co. setzen. Ich persönlich setze den Fokus mehr auf Gesundheit. Da fallen also auch Unternehmen wie Fresenius, Gerresheimer, Fielmann, HCP, United Health etc. drunter. Gilead sieht in der Tat interessant aus. Turnaround à la IBM oder Value Trap? Who knows.

    Gepanzerte Grüße

  • #5

    Volatilität (Dienstag, 16 Februar 2016 11:13)

    Super Artikel!

    Mir macht der ganze Healthcaresektor Spass. Von Pharma, Medizintechnik bis zu Wegwerfartikeln im Cent Bereich, erstaunlich was dort trotzdem verdient werden kann.
    Interessant sind die Holdinggesellschaften wie JNJ, welche eine enorme Diversifizierung aufweisen, was ihnen von aktivistischen Investoren jedoch auch zur Last gelegt wírd (a la Wachstum findet nur im Pharmabereich statt, spaltet euch bitte auf).

    Meine Gesundheitsaktien; solide = JNJ, Bayer, CVS und Reckitt (hier der Healthbereich) und etwas spekulativ = Gilead

    Healthcare sollte einer der Kernbereiche eines jeden Investors sein.


  • #6

    Christian (Dienstag, 16 Februar 2016 22:20)

    Das Schöne ist ja, dass CVS und Konsorten indirekt von den hyperteuren Blockbustern von Gilead u.a. profitieren. Bei CVS einerseits durch das boomende Speciality Geschäft im PBM Bereich, andererseits durch gute Handelsspannen in den Apotheken (wenn auch zugegebenermaßen bei niedrigeren Margen). Ähnlich geht es ja Cardinal.