Das Jahr 2015

Schon so mancher antike Römer hatte Probleme mit den Auguren und Sehern. Als die "Heiligen Hühner" vor einer Seeschlacht nicht fressen wollten (die waren wahscheinlich seekrank), warf sie der kommandierende Admiral einfach über Bord. "Wenn sie nicht fressen wollen, sollen sie wenigstens saufen", soll er gesagt haben und verlor anschließend prompt die Schlacht.

 

Heilige Hühner gibt es nicht mehr, dafür aber jede Menge Versuche "rational" die Zukunft vorherzusagen, was die Qualität der Vorhersagen nur marginal verbessert hat. Eine Aussage kehrt dabei immer wieder: Man müsse sich im nächsten Jahr auf größere Kursschwankungen gefasst machen. Sehr hilfreich. Also verkneifen wir uns hier weitere Prognosen, sondern schauen einfach mal zurück. Insgesamt war es ein gutes Jahr, auch wenn ich so manche Fehleinschätzung zugeben muss. Das Auf und Ab war manchmal nervenaufreibend, aber da ich als  Aktionär zwangsläufig ein Optimist sein muss, hat es mir nicht viel ausgemacht.

 

Die Rendite

Als ich mit den Aktien anfing, hatte ich eine Renditeerwartung von 10% pro Jahr im Kopf. Der Bullenmarkt der letzten Jahre hat dafür gesorgt, dass diese Rendite regelmäßig übertroffen wurde. In diesem Jahr ist sie etwas geringer als im letzten, aber mit 12,6% vor Steuern gar nicht mal so schlecht. Wer den Vergleich mit diversen Benchmarks anstellen will, sollte dazu aber die Vorsteuerrendite verwenden, die bei über 17% liegt. Wie sich das über das Jahr hinweg entwickelt hat, seht ihr in der Darstellung von Portfolio Performance: (Angezeigt wird die Rendite nach Steuern. Die schwarze Linie ist das Depot, die rote ein ETF auf den S&P500, die blaue auf den DAX und die Grüne auf den MSCI World. Alle eigentlich nicht relevant für mich, aber irgendwas muss man halt nehmen.)

Auffällig ist meiner Meinung nach, dass die Volatilität meines Portfolios deutlich geringer ist, als bei den Indizes. Nur der MSCI World kann hier einigermaßen mithalten. Dass zum Jahresende der Benchmarkvergleich für mich gut aussieht, ist natürlich Stichtagsbezogen auch Glück.

 

Inzwischen gibt es für mein Depot fast so etwas wie eine 6-Jahresbilanz. Nachdem meine ersten Gehversuche im Jahr 2010 mit einem Gewinn von um die 10% belohnt worden waren (mit einem dominierenden Anteil an Unernehmensanleihen, die ich kurstechnisch nicht bewertet habe), gab es 2011 dann einen kleinen  Dämpfer mit ca. 4,5% Verlust. 2012, 2013 und 2014 waren dann richtig gute Jahre (it's the bullmarket - stupid), die in schönem Einklang jeweils mit 22% Gewinn abgeschlossen wurden, wohlgemerkt nach Steuern. Seit 2012 ist auf diese Angaben auch einigermaßen Verlass.

 

Zum ersten Mal habe ich in diesem Jahr die Dividenden gesondert gezählt. Im Dezember ist noch ein bisschen dazugekommen, so dass im gesamten Jahr knapp 3800€ netto ausgezahlt worden sind. Wenn der Betrag um 5% jährlich steigt und sich sonst nichts ändert, würde sich der Betrag nach 15 Jahren verdoppeln. Eine recht angenehme Aussicht finde ich. Abgesehen davon, wird es hoffentlich weiterhin Geldzuflüsse geben, die jetzt ausgeschütteten Dividenden werden wieder investiert und außerdem habe ich noch viele Aktien, die gar keine oder nur sehr geringe Dividenden ausschütten, was ich bis zur Rente dann noch ändern werde.

 

Die Kinderdepots

Bei den Kinderdepots wurde ich zum Jahresende überrascht, wie gut die gelaufen sind. Weil ich darüber keinen Blog schreibe, schaue ich da nicht so häufig rein, vielleicht alle Vierteljahre mal. Beide Depots haben mein eigenes jedenfalls deutlich geschlagen. Mit 22,4% und 24,2% schneiden sie beide erheblich besser ab. Über die Gründe kann ich nur spekulieren, zumal sie das bereits das zweite Jahr in Folge geschafft haben. Vielleicht liegt es daran, dass ich für die Kinder nur dann Aktien kaufe, wenn ich mir richtig sicher bin, quasi wie ein guter Schachspieler auf den Händen sitze und nochmals alles durchdenke, bevor ich einen Zug mache, bzw. eine Aktie kaufe. Es kann natürlich auch simples Glück sein, einen Faktor, den man nicht unterschätzen sollte.

 

Das Depot im Detail

Wie immer, hier eine Übersicht des aktuellen Depots mit Stand 01.01.2016. Die Gewinn und Verlustübersicht inklusive der Dividenden und mit Xintzinsfuss berechnet. Auf der rechten Seite die aktuelle Depotzusammensetzung (zum Vergrößern auf die Bilder klicken):

Irgendwie kehre ich immer wieder zu einer Anzahl von 20 Werten zurück. Das scheint für mich die richtige Anzahl an Aktien zu sein. Wie ich das Risiko der Aktien einschätze, erkennt ihr teils auch an der Gewichtung im Depot. Dabei halte ich kleine Unternehmen nicht per se für riskanter, als große. Verliert eine Aktie an Wert, schwindet ihr Anteil am Depot und es ist eher die Ausnahme, dass ich dann nachkaufe. CPSI fällt da ein bisschen aus dem Rahmen.

 

Ich habe mal wieder versucht, die Aktien in Branchen einzuteilen, bin damit aber erneut gescheitert. Das ist für mich sowieso eher sinnlos, weil ich zwar durchaus nach Branchen vorgehe (s. meine Vorliebe für US-Gesundheitsaktien), aber von deren Gewichtung im Depot nicht meine Entscheidung abhängig machen würde. Auch die Einteilung in Dividendenaktien und andere ist nur schwer möglich. Nach meiner Einteilung komme ich auf 54% Dividendenaktien, wobei z.B. eine Cewe von mir als Dividendenaktie mitgezählt wird, eine CVS Health hingegen aber nicht. Also durchaus eine fragwürdige Einteilung, die man auch anders machen könnte.

 

Die Highlights

Welche Aktien ich im Jahresverlauf verkauft habe, hatte ich ja schon an anderer Stelle beschrieben und analysiert. Da hat sich seither nicht mehr viel getan. An Zugängen gab es so einiges, als da wären Cal-Maine Foods, CPSI, Cracker Barrel, Dorman Prod., Fastenal, M.A.X. Automation, Parexel und Sonoco Prod. also mit 8 Werten eine ganze Menge. Die Zukäufe werde ich jetzt nicht weiter diskutieren, am glücklichsten waren sicherlich die Aufstockungen von Starbucks gleich zu Jahresbeginn und von CPSI am Tiefpunkt. Ich konnte in diesem Jahr erfreulicherweise einiges an Geld in das Depot stecken. Die Zukäufe haben u.a. die Gewichtung von CVS Health etwas abgesenkt.

 

Starbucks ist ganz klar der Gewinner des Jahres. Die Story und die weiteren Aussichten sind beeindruckend und wie immer ist die Aktie nur zu sportlichen Bewertungen zu haben. Das ist im Prinzip wie bei Google oder Apple: Man muss dran glauben. Wobei ich das Geschäftsmodell von Starbucks für sehr viel einfacher einzuschätzen halte, als bei den beiden oben genannten.

 

An zweiter Stelle hat sich Dr. Hönle etabliert. Das Unternehmen hat seit Gründung eine bemerkenswerte Gewinnstrecke hingelegt und kann seit über zehn Jahren mit deutlich zwiestelligen Renditen glänzen. Dass es sich um eine zyklische Aktie handelt und mit dementsprechenden Kurseinbrüchen zu rechnen ist, muss man akzeptieren. 

 

Nabaltec steht immer noch gut da, stand aber schon mal besser. Allerdings gehören sie zu den volatilsten Aktien überhaupt. Vielleicht schreibe ich demnächst mal wieder was über sie, denn ihre Story ist durchaus interessant. Ich weiß gar nicht, wie lange ich die Aktie schon habe, Anfang 2012 gekauft und nach Cewe die Aktie mit der zweitlängsten Haltedauer. Jedenfalls ist sie noch vor CVS das beste Pferd im Stall und nähert sich der Verdreifachung.

 

Größter Verlierer war natürlich SHW. Als Autozulieferer erlebte die Aktie gewissermaßen einen Doppelschlag: Zunächst gab es hausgemachte Probleme mit Unterkapazitäten, die zu massiven Investitionen und damit einem Gewinneinbruch führten und anschließend folgte dann die VW-Krise. Ich halte die Aktie allerdings für sehr aussichtsreich, die Erwartung, dass es im nächsten Jahr deutlich besser aussieht, ist gut begründet.

 

Die größte Enttäuschung gab es für mich bei Init. Die Gewinnwarnung im letzten Quartal lässt mich ernsthaft am Geschäftsmodell zweifeln, zumal auch mit einer Dividendenkürzung gerechnet werden muss, wenn die Warnung so eintrifft. Ich werde den Geschäftsbericht im Januar abwarten und dann eine Entscheidung treffen.

 

Auch AAP war eine große Enttäuschung für mich. Wenigstens habe ich hier schnell genug die Reißleine gezogen, ist doch der Kurs nach meinem Verkauf noch deutlich weiter eingebrochen. Bei medizinischen Produkten und Medikamenten darf man die Gefahr von Totalverlusten nicht außer Acht lassen, speziell wenn es sich um ein sogenanntes "One Trick Pony" handelt, das Produktprtfolio sich also nur auf eine Sache konzentriert. Ähnlich verhält es sich übrigens bei Paion, die als Speklationsaktie weiterhin ihr Leben in meinem Depot führen darf. Da ist noch nichts entschieden und es gilt weiterhin abzuwarten. Momentan läuft die Phase III Studie für den Wirkstoff Remimazolam in den USA.

 

Die Überraschung des Jahres aber war CPSI. Die Übernahme des Konkurrenten dürfte jetzt in trockenen Tüchern sein und hat alle Investoren positiv überrascht. Worum es da genau ging, habe ich vor kurzem hier beschrieben. Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht, wobei ich langfristig sehr optimistisch bin.

 

Das Jahr 2016

Mit Anfang Jahr stelle ich meinen Performancezähler wieder auf Null. Das hat sich bewährt und ich hänge sehr viel weniger an meinen Einkaufskursen, denn die sollten ja sowieso keine Rolle bei der Bewertung spielen, was sich so leicht dahinsagen lässt. So habe ich nur die Jahresanfangskurse vor Augen und komme gar nicht erst in Versuchung meine Einstiegskurse anzuschauen, wobei das bei meiner Bank natürlich leider nicht funktioniert.  

 

Wie ich Anfangs schon erwähnte, halte ich von Prognosen gar nichts. Das hindert mich aber nicht, über spezielle Entwicklungen nachzudenken. Momentan denke ich viel über Rostoff- und Ölwerte nach. Ein zentrales Thema dürfte die weitere Entwicklung in China sein, wobei aber auch Indien und die anderen asiatischen Staaten sich als Akteure im Welthandel zunehmend bemerkbar machen. Letztlich hängt von der Wirtschaft in diesen Staaten nach meiner Meinung wesentlich die Entwicklung des Ölpreises ab, ohne jetzt den Iran und die Frackingindustrie als Faktoren außer Acht lassen zu wollen. Dass Saudi Arabien sich selbst ins Knie geschossen hat, dürfte den Scheichs inzwischen gedämmert haben. Vor einem Investment werde ich jedenfalls abwarten, bis bei dem einen oder anderen letztendlich doch noch die Dividende gekürzt wird. Das dürfte dann nämlich den Rauswurf aus etlichen Dividendenportfolios und damit einen weiteren Kurssturz nicht nur der betreffenden Aktie bedeuten. Allerdings hätte ich ehrlich gesagt auch ein ethisches Problem beim Investment in Ölförderaktien. Das Verhalten von Shell in Nigeria ist unter aller Kanone, aber das muss jeder selber wissen.

 

Ansonsten werde ich versuchen meine bestehenden Aktien weiter aufzustocken. Ganz oben auf der Neukaufsliste stehen die hier besprochenen Pharmagroßhändler und evtl. fängt sich ja doch mal wieder die eine oder andere Perle in meinen Screeningnetzen. Geografisch werde ich wohl in Deutschland und den USA bleiben, solange in Großbritannien der Grexit droht, lasse ich von den dortigen Aktien lieber die Finger. Und solange in unseren geliebten europäischen Nachbarländern (die Niederländer mal ausgenommen) die Steuern nur unter bürokratischen Schmerzen wieder zurückgeholt werden können, lasse ich davon schon aus Prinzip die Finger.

 

Und sonst? In einem Buch über Cicero (Imperium, R.Harris), das ich über Weihnachten gelesen habe, bin ich auf die schöne juristische Formel "Caveat emptor" gestoßen: "Der Käufer möge sich hüten". Passt meiner Meinung nach sehr gut als oberstes Prinzip beim Stockpicking. Leider habe ich das in der Vergangenheit nicht immer so beachtet, werde mir das aber in Zukunft sehr zu Herzen nehmen.

 

Allen Lesern wünsche ich ein gutes Aktienjahr und lasst die heiligen Hühner leben, schließlich ist bald Ostern.

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Kommentare: 9
  • #1

    Schildkröte (Sonntag, 03 Januar 2016 23:01)

    Hallo Christian,

    wünsche Dir ein frohes gesundes neues Jahr und an der Börse weiterhin ein gutes Händchen. Wie sagte mal Winston Churchill sinngemäß:

    "Einen Experten erkenne ich daran, dass er mir später plausibel erläutern kann, warum seine Prognose nicht eingetreten ist."

    Soll heißen, Prognosen sollte man mit Vorsicht genießen bzw. nicht übergewichten, aber auch nicht per se ignorieren. Wie in der Wissenschaft ist die Begründung meist wichtiger als die Entscheidung.

    Ich erwarte 2016 einige Volatilität und durchaus auch einen markanten Kursrücksetzer. Ob es sich dabei bloß um eine Korrektur oder gar um einem Crash handelt, weiß man meist erst hinterher. Wichtig ist, auf Qualität und die Bewertung zu achten. Dann sollte man auch schwierige Zeiten an der Börse mental besser durchstehen können.

    Wie misst Du eigentlich Deine jährliche Performance? Ich habe hier Probleme, da ich immer wieder mal nachkaufe, gelegentlich verkaufe und außerdem Dividenden kassiere. Für einzelne Depotpositionen lässt sich noch leicht die Performance berechnen. Fürs Gesamtdepot ist es gleichwohl schwerer.

    Gepanzerte Grüße

  • #2

    Christian (Montag, 04 Januar 2016 11:31)

    Hi Schildi,

    irgendwie werden Churchill gefühlte 50% aller intelligenten Sprüche zugeordnet. Einen gewissen wahren Kern haben sie aber immer.

    Die Performance messe ich mit der Excel bzw. OO Calculator Funktion Xintzinsfuss(in Google drive heißt das irgendwie anders). Wenn man es kapiert hat, ist das ziemlich einfach. Das berechnet dir die IZF-Rendite (interner Zinsfuß) und berücksichtigt dabei unregelmäßige Ein- bzw. Auszahlungen. Willst du unabhängig davon nur deinen Anfangs- mit deinem Endbetrag annualisiert, also auf ein Jahr bezogen betrachten, musst du die TWRR-Methode verwenden (Time-Weighted-Rate-of-Reurn). Letztere Methode benutzen Fonds etc. um ihr Ergebnis unabhängig von der investierten Gesamtsumme darstellen zu können.

    Du bringst mich damit auf die Idee, darüber mal was zu schreiben, denn je tiefer man schaut, desto komplizierter wird das mit der richtigen Renditeberchnung. Da ist überhaupt nicht trivial. Nutzt du eigentlich das Programm "Portfolio Peformance" von Bennerich aus dem WPF? Da werden dir jeweils beide Werte direkt berechnet. Kann ich nur empfehlen, wobei ich vermutlich nur einen Bruchteil der Funktionen daraus nutze.

  • #3

    Schildkröte (Montag, 04 Januar 2016 19:18)

    Hallo Christian,

    danke für Deine Antwort! Zu Winston Churchill könnte man noch erwähnen, dass er am Black Friday 1929 höchstpersönlich an der Wall Street zugegen war. ;-) Nein, das Programm vom WPF-User kannte ich bisher nicht. Werde ich mir mal in Ruhe anschauen. Über einen Blogeintrag von Dir zu der Thematik würde bestimmt nicht nur ich mich freuen.

    Schöne Urlaubsgrüße aus München!

  • #4

    Covacoro (Dienstag, 05 Januar 2016 18:33)

    Hallo Christian,
    auch von mir eine gesundes neues Jahr !
    Ich nutze ja auch das Programm Portfolio Performance zur Berechnung der Performance. Für 2015 stehen sowohl nach TTWRR als auch nach IZF-Methodik 17% Plus auf der Wikifolio-Uhr.
    Hier auch gleich mal eine Frage zu deinem Posting oben. Du zeigst den Chart von PP mit +12% und sagst das ist "nach" Steuern. Richtig ist doch aber, das ist nach Steuern für Dividenden und für verkaufte Aktien, aber vor Steuern für noch gehaltene Werte? Oder verstehe ich das falsch und du verkaufst alle Werte pro forma aus dem Depot am 31.12. und ziehst dann die theoretisch fällige Abgeltungssteuer gleich ab und kommst so auf 12%? Würde auch gehen, ich mache das aber nicht so, sondern lasse meine Werte einfach weiterlaufen. Wenn ich von Performance "vor" Steuern rede, dann ist dass das, was PP anzeigt, also vor der Realisierung der Buchgewinne und -verluste. Man kann ja beliebige Zeiträume einstellen in PP und damit auch nachträglich die Renditen für 2013,14,15 etc berechnen. Last but not least die Frage: was du mit XINTZINSFUSS berechnest stimmt mit dem IZF aus PP hoffentlich überein?
    Viele Grüße Covacoro

  • #5

    Christian (Dienstag, 05 Januar 2016 20:30)

    Hi Covacoro,

    ich mache es wie du und ziehe nur die jeweils konkret gezahlten Steuern ab. Bilanziell müsste ich die in den Buchgewinnen enthaltenen Steuern auch abziehen, aber das ist mir des Aufwandes zuviel. Ich betreibe ja kein Unternehmen. Ich habe das mal probiert, aber dann wieder gelassen. Man denkt, das wäre einfach, aber sobald du dann mal verkauft oder kauft, wird es schwer, zumal man dann auch noch das Ganze rückwirkend auf das Jahr beziehen muss, in dem der Buchgewinn stattgefunden hat. Da müsste man dann noch so lustige Dinge wie Fifo oder Lifo beachten, ne danke.

    Was ich aber tatsächlich mache, ist mir für jedes Jahr auszurechnen, wie hoch der noch nicht gezahlte Steueranteil ist. Das ist einfach und bewahrt einen vor Illusionen. Ich sehe schon, ich muss da wirklich mal etwas grundlegendes darüber schreiben ...

  • #6

    Bastian (Dienstag, 05 Januar 2016 22:19)

    Hey - dir und deinen Lesern auch nochmals ein gutes neues Jahr!

    Ich bin aktuell dabei, mich mehr mit Nebenwerten auseinanderzusetzen und da du ja nach wie vor in diesem Bereich unterwegs bist (soweit ich deine Geschichte im Kopf habe früher ja noch viel mehr) wollte ich dich fragen nach welchen Kriterien oder Strategie du diese findest und bewertest bevor du eine Investition tätigst?

    Ich habe nun endlich die Levermann Strategie gelesen und halte diese für recht zielführend. Besonders da ich mir noch nicht zutraue, ein Unternehmen umfassend selbst zu bewerten und dieser Entscheidung dann auch zu vertrauen. Daher finde ich die Möglichkeit einer knallharten Checkliste sehr angenehm - das läßt den Emotionen und Fehlinterpretationen nur wenig Raum.

    Wenn man aber aktuell S und M-Dax nach entsprechenden Unternehmen screent (KGV < 12; RoE > 20%; Eigenkapitalquote > 25%; EBIT-Marge >12%), dann erscheinen genau zwei Unternehmen. Firmen wie die von Michael Kissig auf seinem Blog vorgestellt und berechtigt gelobten wie Aurelius oder WCM Beteiligung wären mit diesen Kriterien gar nicht zu finden (Aurelius ist nicht gelistet und WCM ist gerade erst neu aufgestiegen). Das zeigt mir das auch diese Strategie nicht alle Eier im Nest finden kann.

    Gehe davon aus das du es gelesen hast, - hast du Sie in der Vergangenheit auch angewendet? Oder läßt du lieber deine eigenen Faktoren die du in deiner Anlagestrategie erklärst hier einfliessen? Wie du schon schreibst finde auch ich es sehr schwer, bei deutschen Nebenwerten ausreichende Infos zu finden und ich bin mir sehr unsicher ob man sich auf dieses Feld ohne wirklich gute Kenntnisse in Bilanzen und ohne einer generell guten Veranlagung in "Informationsinterpretation" vorwagen sollte. Schon allein da der Markt in diesem Umfeld - anders als bei großen Bluechips die unter ständiger kritischer Beobachtung stehen- wohl nur eher langsam oder spät einpreist. Das erhöht meiner Ansicht nach die Gefahr eines Fehlschusses.

    Gäbe es von deiner Seite aus noch ein paar Ratschläge? Wieviel Zeit verwendest du in der Regel um ein Unternehmen zu bewerten bevor du dich entscheidest und auf welche Informationen legst du besonderen Wert?

    Ich darf mich hier auch für dein Aktienbewertungssheet bedanken, - ich bin mir sicher das es mir noch gute Dienste leisten wird! Bin selbst leider (noch) ein Exel-Legastheniker und darum immer sehr froh über solche Geschenke.

    Vielen Dank & Beste Grüße

  • #7

    Christian (Mittwoch, 06 Januar 2016 13:29)

    Hi Bastian,

    deine Fragen sind nicht leicht zu beantworten und die Antwort wird lang:

    Das Buch von Susan Levermann habe ich gelesen und zwar ziemlich direkt, nachdem es herausgekommen ist. Inzwischen habe ich es über Ebay wieder verkauft, was dir verrät, ob ich das Verfahren heute noch nutze, nämlich nicht. Für einen Anfänger ist das Buch durchaus zu empfehlen, denn es erklärt auf sehr gute Art und Weise viele Dinge, die man sich sonst mühsam zusammensuchen müsste. Man lernt auf einfache Art und Weise und gut erklärt die wichtigsten Kennzahlen. Angewendet habe ich die Strategie aber selbst noch nie.

    Ob die Strategie zielführend ist, weiß leider niemand. Die zwei, drei Jahre, in denen Frau Levermann als Fondsmanagerin damit sehr erfolgreich war, sagen nicht viel aus, dazu bräuchte es schon einen längeren Betrachtungszeitraum und mir ist jedenfalls keine dahingehende Untersuchung bekannt geworden. Vermutlich wird man mit der Strategie relativ gut abschneiden, vielleicht aber auch nicht. Was ich ganz allgemein von mechanischen Strategien halte, kannst du unter dem Menüpunkt: Strategie/Mechanische Strategien nachlesen. Die dort gemachten Bemerkungen treffen im Großen und Ganzen auch auf das Levermannsystem zu.

    Dass dein Screening da nur zwei Aktien ausfiltert, wundert mich nicht: Die aktuellen Bewertungen sind aktuell eben relativ hoch. Abgesehen davon würde ich das Screening auch auf kleinere Unternehmen unterhalb der SDAX-Ebene ausweiten, da sind oft die interessantesten zu finden. (Welche zwei Aktien sind das denn, die das System ausgespuckt hat?)

    Ein Problem hinter jedem mechanischen Verfahren, das nur auf Kennzahlen schaut, sehe ich darin, dass man die Buffetsche Betrachtungsweise "Ich beteilige mich an einem Unternehmen" damit nicht hinbekommt. Man schaut nur auf den Kennzahlenzoo und entscheidet dann, das Unternehmen selbst zählt nicht. Und das ist meiner Ansicht nach gerade für einen Anfänger nicht zielführend. Nicht ohne Grund ist dir ja aufgefallen, dass du Unternehmen, die u.a. klassische Valueinvestoren wie Michael Kissig im Portfolio haben, mit den Levermannkriterien nicht triffst. Das liegt daran, dass er eben nicht nur auf die Kennzahlen schaut, sondern auf das Unternehmen selbst und auf das, was das Unternehmen macht.

    Wenn du Ratschläge brauchst: 1. Lesen 2. Lesen 3. Genau, und nimm dir Zeit zu lernen und alles zu verarbeiten. Die Börse ist auch im nächsten Jahr noch offen. Eine Berufsausbildung in Deutschland dauert mindestens drei Jahre. Glaube nicht, dass eine Börsenausbildung viel schneller geht, es sei denn du bist ein Naturtalent.

    Ähnlich wie jede andere Wissenschaft hat die „Lehre des Investierens in Aktien“ eine gewisse Geschichte hinter sich und es kann eigentlich nicht schaden, wenn man diese Geschichte lesend nachverfolgt. Niemand will ja das Rad neu erfinden. Spontan fallen mir da Autoren wie Graham, Peter Lynch, O'Neill u.a. ein bzw. die Biografie von Buffet: Das Leben ist wie ein Schneeball“. Als Lehrbuch der Bilanzanalyse taugt Schmidlins „Unternehmensbewertung & Kennzahlenanalyse“. Und dann heißt es Geschäftsberichte lesen. Bilanzen, Cashflowrechnung und GuV-Rechnung sind kein Hexenwerk. Melde dich bei Seeking Alpha an und lese dort die Berichte zu den dich interessierenden Themen und Unternehmen. Das Niveau dort ist sehr hoch.

    Und um zu deiner Frage zurückzukommen, wie die Aktienauswahl bei mir abläuft: Ein Standardverfahren gibt es nicht. Erst mal geht es darum überhaupt Unternehmen zu finden. Gerne sreene ich wild herum, immer mit wechselnden Kennzahlen. Eine andere Quelle ist übrigens das Handelsblatt. Manchmal schaue ich mir aber auch eine Branche an, weil ich die insgesamt interessant finde. Oder eben in den einschlägigen Blogs oder im WPF.

    Letztlich ist es das Wichtigste, dass du zunächst versuchst zu verstehen, womit das Unternehmen sein Geld verdient. Erst wenn dir das zusagt, geht es daran die Zahlen zu verstehen und von denen wirst du die wesentlichen in den einschlägigen Portalen finden. Da fallen dann 95% aller Unternehmen schon durch das Raster. Für die großen US Dickschiffe reicht mir in der Regel aus, was bei Seeking Alpha steht, da lese ich noch nicht einmal den Geschäftsbericht

    Nur mit ganz wenigen Unternehmen fahre ich das ganz große Programm. Das mache ich maximal einmal pro Monat und braucht dann aber schon ein paar Stunden und umfasst neben den Geschäftsberichten vor allem auch die Suche in Foren (auch nicht börslichen) und nach Zeitungsartikeln.

    Und zu guter Letzt noch der gute alte Grundsatz von Kant: Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Letztlich muss man eine Entscheidung treffen, ohne alle Fakten zu kennen. Wie eigentlich immer im Leben.

    Für detailliertere Fragen, kannst du mich ja auch einfach mal anmailen.

    Grüße,
    Christian

  • #8

    markymark (Sonntag, 10 Januar 2016 21:30)

    Hallo Christian!

    Alles Gute, viel Erfolg und auch Glück für 2016. Wir werden es bei den volatilen Märkten sicherlich gebrauchen können.

    Grüße
    Mark

  • #9

    Christian (Montag, 11 Januar 2016 16:07)

    Hi Markymark, danke Dir!

    Glück gehört auf jeden Fall dazu. Nachdem mir im letzten Jahr so manches mal das Pech an den Stiefeln geklebt hat ...