Panta Rhei - Ein Jahresrückblick aus der Adlerperspektive

"Alles fließt" von Heraklit  ist einer der Klassiker aus der Zitatensammlung des Bildungsbürgers (Im Original: πάντα ῥεῖ), auch gut als Antagonist zu "Es gibt nichts Neues unter der Sonne" (aus der Bibel) geeignet, ohne diese Diskussion jetzt führen zu wollen.

 

In Sachen Investitionsstrategie halte ich es lieber mit dem ersteren: Alles verändert sich, wenn auch langsam. Jetzt, kurz vor Jahresende, bietet es sich an, den Entwicklngslinien nachzuspüren, denen meine Investmentstrategie seit länger als einem Jahr folgt.

 

Die wesentlichsten Entwicklungen waren der Einstieg in US Aktien 2013 und die Einbeziehung der Dividendenstrategie als Ersatz für meinen zuvor nicht geringen Anleihenanteil. Aber auch in Bezug auf die deutschen Nebenwerte, stelle ich eine geänderte zunehmend kritische Einstellung fest. Sie gipfelt aktuell und konkret darin, dass ich mich frage, ob ich nicht eine Init aus dem Depot schmeißen und dafür einen der zuletzt behandelten Pharmagroßhändler einkaufen soll.

 

 

US Aktien, Wachstumsaktien und Dividende

Vor 2013 habe ich keine einzige amerikanische Aktie mein eigen genannt. Warum auch, gab es doch ausreichend gute bis sehr gute Kandidaten in Deutschland. Das änderte sich nicht nur mit dem Bewertungsaufschwung deutscher Aktien, sondern auch mit meiner geänderten Sichtweise auf die Art und Weise Wachstum und Dividenden zu bewerten. Das entwickelte sich alles nahezu parallel. Ein ganz wichtiges Buch dazu war „How To Make Money In Stocks“ von O’Neill, dessen CANSLIM Methode ich zwar nie ausprobiert habe, das mir aber eine ganz andere Sichtweise auf Aktien beigebracht hat. Einfach mal Valuekriterien wie KGV etc. außen vor lassen und nur auf das Wachstum und das Unternehmen zu schauen, gibt einem einen anderen Blickwinkel, auch wenn ich den charttechnischen Kriterien von O'Neill so nicht folgen mochte. Das andere noch wichtigere Thema war die Dividenden(wachstums)strategie, die aber in vielerlei Foren und Blogs diskutiert wurde und wofür ich kein Buch brauchte. Mindestens 50% meines Depots sollen Dividendenaktien sein, so meine Faustregel.

 

Meine erste US Aktie war 2013 übrigens CVS Health, damals noch CVS Caremark, von der ich schon damals dachte, dass sie so billig gar nicht sei und nun ist sie fast doppelt so teuer. Das war so ziemlich die erste Aktie, die ich vor allem wegen ihres Geschäftsmodells gekauft habe, das mich von Beginn an komplett überzeugt hat. Auf letzteres zu achten, ist mein wichtigstes Kriterium überhaupt geworden. Nach und nach kamen dann vor allem Dividendenwerte hinzu, die meine auslaufenden noch gut verzinsten Anleihen ersetzen sollten. Ein zuerst ziemlich unkritisch zusammengekauftes Sammelsorium der üblichen Verdächtigen, die dann aber sehr bald einer Revision unterzogen wurden, die einige Werte nicht überlebten. (Bei CVS erziele ich, wenn die Dividende nächstes Quartal auf 1,70$ erhöht wird, ein Yield on Cost von 3,4%, soviel zum Thema Dividendenwachstumsaktien, denn ich habe diese Aktie beim Kauf nicht als Dividendenaktie gesehen.)

 

Bewertungskriterien

Wachstumsaktien kommt man mit einem simplen KGV Vergleich nicht bei. Die Frage stellt sich, wie man den zukünftigen Gewinn einigermaßen vernünftig einpreist? Kann eine Aktie mit KGV von 30 günstig sein und wenn ja wann? Es gab und gibt da ja schon ein paar Methoden. Das übliche DCF-Modell (Discounted-Cashflow-Model), erschien mir aber nicht geeignet. Der Cashflow allein, so wichtig er ist, ist mir ein zu einseitiger Wert. Der PEG Wert mit seiner Festlegung auf den Gewinn des diesjährigen und des nächsten Jahres auch nicht so wirklich aussagekräftig.

 

Letztlich habe ich aus vielen Versuchen ein System entwickelt, das meinen Kriterien genügt. Bewertungskriterium ist die Zeit, die eine Aktie braucht, um sich selbst zu bezahlen. Dazu zähle ich die Gewinne und die Dividenden der nächsten Jahre zusammen. Die müssen natürlich geschätzt werden, was zu den üblichen Unsicherheiten führt. Meine Methode ist es, mich den gängigen Schätzungen nach unten abrundend anzuschließen und dann für mich zu entscheiden, ob das Risiko hoch oder niedrig ist und entsprechend bezahlt wird. So halte ich eine hoch bewertete Starbucks für relativ risikoarm, etwa im Vergleich zu einigen wachstumsstarken deutschen Nebenwerten, die ich für diesen Preis niemals behalten würde.

 

Manchmal macht das Bewertungssystem allerdings gar keinen Sinn, etwa wenn zukünftige Gewinne nicht realistisch geschätzt werden können. Oft gibt es auch keine Analysten, die eine Schätzung unternehmen, speziell bei den ganz kleinen deutschen Werten. In solchen Fällen halte ich mich allein an das Geschäftsmodell und insbesondere den Geschäftsbericht bzw. anderen Informationsquellen, manchmal sogar Interviews (wie bei der schon länger verkauften Uzin Utz). Im Hinterkopf sollte aber immer das Controller Bonmot "Shit in shit out" bleiben, heißt: Jede Zahl ist nur so gut, wie die zugrunde liegende Schätzung.

 

Langsame Abkehr von deutschen Nebenwerten

Als ich 2009 nach Abbezahlung unseres Hauses erneut mit den Aktien anfing, konzentrierte ich mich auf deutsche Nebenwerte. Diese Aktien waren billig zu haben und die Auswahl war groß. Als Beispiel möchte ich vielleicht mal eine Gesco oder eine Isra Vision herausheben, die beide zu damaligen Zeiten mit einem KGV von deutlich unter 10 zu haben waren.

 

Heute liegen die Bewertungen fast doppelt so hoch, bei Isra z.B. aktuell bei 19. Das ist einer der Gründe, warum ich mich bei den deutschen Nebenwerten nicht mehr so wohl fühle. Das eingegangene Risiko wird nicht mehr angemessen mit einem Kursabschlag honoriert. Mag sein, dass mein Unbehagen mit den vielen Gewinnwarnungen (und eigenen Fehleinschätzungen) zusammenhängt, denen ich im letzten Jahr ausgesetzt war, doch wer nach preiswerten Aktien im Nebenwertebereich sucht, muss schon sehr intensiv suchen. Von daher werde ich wohl auch in diesem Jahr immer nur in kleinen Chargen in deutsche Nebenwerte investieren, wenn überhaupt. Leider habe ich den rechtzeitigen Einstieg bei Gerresheimer verpasst, die Aktie hätte mir gefallen.(Mein Kompliment hier an Schildkröte, der den idealen Kaufzeitpunkt erwischt hat.) Bestimmt gibt es noch andere gute Nebenwerte, aber die zu finden, wird immer schwieriger.

 

Wie geht es weiter?

Inzwischen stelle ich fest, dass ich nicht einen Home-, sondern einen US-Bias habe. Das hat unter anderem auch mit den Informationen zu tun, die ich mir im Internet zusammensuche. Diese sind in den USA einfach viel einfacher zu bekommen. Während deutsche Unternehmen oft einigermaßen unwillig oder sogar arrogant versuchen, ihre Kleinaktionäre mit Brosamen abzuspeisen, nehmen amerikanische Unternehmen die „Investor Relations“ sehr viel ernster. Dazu kommen Foren und Portale wie Seeking Alpha u.a., in denen ein Austausch herrscht, den man sich von deutschen Foren nur wünschen könnte. Das mit US-Aktien leider verbundene Währungsrisiko lasse ich hier mal außer acht.

 

Meine Wahrnehmung in diesem Jahr ist bestimmt von Unternehmen, die den Investoren nicht offen genug reinen Wein einschenken und das vor allem auch rechtzeitig. Im Abstand von nur drei Wochen eine Prognose zu bestätigen und dann zu widerrufen, ist eine Unverschämtheit. So geschehen bei Gesco und bei Leoni (die ich glücklicherweise nicht mehr hatte). Eine andere nicht zu akzeptierende Methode ist es, Ausreden bereitzuhalten, um evtl. eigenes Versagen zu kaschieren oder Fehleinschätzungen zugeben zu müssen. Dies passierte bei AAP Implantate, aus denen ich noch einigermaßen glimpflich herauskam. Aber auch mit Init bin ich in der Beziehung nicht glücklich, will ihnen aber noch eine Chance geben und warte auf den nächsten Quartalsbericht (oder, wankelmütig wie ich bin, entscheide mich kurzfristig um und kaufe was Besseres.)

 

Vorbildlich war dagegen das Vorgehen von SHW. Hier wurde früh genug und ausreichend den Aktionären über die Probleme bei der Produktion berichtet. Bei Dr. Hönle gab es die letzten Jahre ähnliche Vorkommnisse (Zukauf Raeschgruppe und die unsäglichen Quarzglasöfen), die ebenfalls offen und sachlich kommuniziert wurden. Man kann es also auch in Deutschland besser machen.

 

Valuemodell "Munger"

Ich werde mich weiter auf das Valuemodell „Munger“ konzentrieren, also auf Unternehmen, die eine starke Position haben, wenn möglich einen Burggraben, auch wenn diese Unternehmen aktuell nicht immer billig zu haben sind (das einschlägige Zitat verkneife ich mir jetzt). Das Kriterium soll für mich Gültigkeit besitzen, ganz unabhängig davon, ob es sich dabei um Dividenden-, Value- oder Wachstumswerte handelt. Siehe hierzu auch mein Stockpicker Manifest.

 

Die Dividende wird mit zunehmendem Alter immer wichtiger, auch wenn ich noch ein paar Jährchen zu arbeiten habe. So nach und nach werde ich daher auch die Dividendenwerte weiter aufstocken und ihren Depotanteil erhöhen. Sollten irgendwann einmal in der Zukunft wieder halbwegs sichere Anleihen mit „vernünftigen“ Zinsen (> 5%) auf den Markt kommen, wären das natürlich auch Alternativen.

 

Welches der beiden anfangs genannten Zitate das nächste Jahr bestimmen wird, wird sich zeigen. Ich tippe mal eher auf "Alles fließt", denn so war es bisher auch.

 

Nach dem Jahreswechsel gibt es dann einen einen zahlenmäßig tiefergehenden Beitrag. Außerdem werde ich wohl mal ein paar Seiten hier im Blog etwas überarbeiten müssen.

 

Bis dahin allen frohe Weihnachten und einen guten Rutsch.

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Kommentare: 2
  • #1

    Covacoro (Mittwoch, 23 Dezember 2015)

    Danke für den ausführlichen Beitrag. Ich schätze es so ein wie Du, dass es mittlerweile kaum noch günstige, d.h. fundamental billige deutsche Nebenwerte gibt. Man kann eigentlich nur auf Sondersituationen setzen, d.h. für mich auf Unternehmen die temporäre Probleme haben. Da sind wir ja nicht immer einer Meinung, siehe Leoni ;-)
    Was die USA angeht, bin ich aber auch skeptisch, da es viele Anzeichen gibt, dass die Gewinne eher zurückgehen und das die nächste Rezension dort unmittelbar bevorsteht.
    Grüße und guten Rutsch!
    Covacoro

  • #2

    Schildkröte (Donnerstag, 31 Dezember 2015 10:37)

    Hallo Christian,

    vielen Dank für Deinen sehr aufschlussreichen Beitrag, welcher zum Nachdenken anregt!

    Warren Buffett war ja ein Schüler von Benjamin Graham, der eher eine Zigarrenstummelstrategie verfolgte. Seinen heutigen Investmentstil verdankt das Orakel von Omaha unter anderem auch von seinem Partner Charlie Munger.

    Ich persönlich mag drei verschiedene Arten von Aktien:

    - Blue Chips aus den USA
    - Blue Chips aus Frankreich
    - Deutsche Nebenwerte

    Mit mittlerem bin ich wohl ein Exot. Naja, auf den CAC 40 würde ich mir keinen ETF kaufen. Aber nur wegen der französischen Quellensteuer sollte man die eine oder andere Perle aus unserem westlichen Nachbarland nicht links liegen lassen.

    Viele Unternehmen aus dem DAX sind mir nichts. Aber in der 2. Reihe findet man viel interessantes. Über die Transparenz der Unternehmen sowie deren angemessene Bewertung kann man vielleicht streiten. Es kommt jeweils auf den konkreten Einzelfall an.

    Bei US-Unternehmen wird Shareholder Value sehr oft groß geschrieben und Aktienrückkäufe, hierzulande eher verpönt bzw. unbekannt, tragen langfristig zur Wertsteigerung der Aktie (und auch des Dividendenwachstums) bei.

    Auf das Börsenjahr 2016 bin ich gespannt. Das Fed hat den Leitzins erhöht und wird dies wohl auch weiter tun. Die EZB wiederum will jetzt so richtig den Markt mit billigem Geld fluten. Eine Abwertung vom Euro gegenüber dem Dollar wäre die logische Konsequenz. Allgemein dürfte es ab den Märkten volatil zugehen.

    Wünsche Dir und allen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr!

    Gepanzerte Grüße