Verkaufte Aktien in 2015

In diesem Jahr haben mit 9 Unternehmen schon deutlich mehr Aktien mein Depot verlassen, als ich das selbst für gut halten würde. Das sind bei einem durchschnittlichen Bestand von 20 Werten fast die Hälfte. Zeit also, mal nachzuschauen, ob und wieweit sich diese Verkäufe tatsächlich gelohnt haben.

Leoni

Mein erster Verkauf. Der Grund war damals schlicht und einfach die zu hohe Bewertung. Damals erreichte der Kurs die 60€ Marke und obwohl viele Analysten meinten, jetzt müsse man nur noch auf den Durchbruch nach oben warten, schien mir die Bewertung an Hand der fundamentalen Daten nicht mehr gerechtfertigt. Schon damals hätte mir klar werden können, dass man Automobilzulieferer nicht für die Ewigkeit kauft, denn das gleiche Spiel hatte ich schon einmal hinter mir. Die Aktie hatte ich etwa ein Jahr zuvor schon einmal gekauft und bei 60€ wieder verkauft. Sehr einträglich, aber es hätte mich stutzig machen sollen. Letztendlich bin ich jetzt froh, die Aktie nicht mehr zu haben, speziell nach den letzten Turbulenzen, die den Kurs auf aktuelle 35€ gedrückt haben. Von einem erneuten Kauf würde ich wohl Abstand nehmen, zumal sich inzwischen rumgesprochen hat, dass Leoni beim Organisieren und managen der Produktion offenbar immer wieder ein Problem hat.

 

Hannover Rück

Manchmal stimmen meine Einschätzung und die Bewertung einer Aktie an der Börse nicht überein. Dies ist so bei Hannover Rück, meinem zweiten Verkauf, kurz nach Leoni. Nachdem ich die Aktie für über 80€ verkauft hatte, stieg sie später noch auf über 100€ an, einen Wert, an den sie sich gerade wieder annähert. Dennoch hat sich an meiner Einschätzung gegenüber Rückversicherern im Speziellen nichts geändert, so dass ich die Aktie auch jetzt und erst recht zu diesem Preis gleich wieder verkaufen würde. Dazu muss ich aber sagen, dass ich das Management von Hannover Rück für außerordentlich clever halte, aber Bewertung und Unternehmensqualität sind zwei Paar Schuhe.

 

First Sensor

Noch ein typischer Fall von Misstrauen am Management, der sich bei mir, wie mir unlängst auch bestätigt wurde, durch mein Anlegerleben zieht. Insgesamt bin ich bei First Sensor mit einem kleinen Gewinn ausgestiegen. Eigentlich finde ich die Konzeption von First Sensor gut  und denke auch, dass das Geschäftsmodell funktionieren könnte. Aber dazu braucht es eine konstante und konsequente Strategie mit nicht dauerndem Personalwechsel an der Spitze, so wie es der Fall war. Aber vielleicht kommt ja jetzt Ruhe rein.

 

Cancom

Bei Cancom hatte ich mich von der Phantasie verführen lassen , die in dem schönen Namen Cloud steckt. Vergessen habe ich, dass bei Cancom noch ein ganz stinknormales Softwaregeschäft nebendran steht, das sich nicht unbedingt durch irgendeine Besonderheit von dem Wettbewerb abhebt. Dazu kommt, dass das Cloudgeschäft inzwischen von den ganz Großen sehr intensiv betrieben wird und es sehr fraglich ist, welches Unternehmen da letztlich die Nase vorne haben wird. Wenn es Cancom schafft hier tatsächlich eine spezielle Nische zu besetzten, haben sie Glück und ich Pech gehabt. Ich sehe mich aber nicht in der Lage, die Chancen von Cancom im Cloudgeschäft vorherzusagen.

 

Uzin Utz

Eines meiner Lieblingsunternehmen, was anscheinend eine Menge Leute ähnlich sehen und dadurch den Preis in die Höhe getrieben haben. Zu hoch, für meinen Geschmack. Interessant ist, dass Uzin kaum korrigiert hat - schade eigentlich, denn zu einem guten Preis wäre ich gern wieder eingestiegen. Seit meinem Verkauf läuft die Aktie seitwärts, was darauf hoffen lässt, doch irgendwann wieder Einstiegskurse zu sehen, falls das Unternehmen quasi in eine bessere Bewertung hineinwächst. Ein klarer Fall für meine Watchlist.


Gesco

Auch hier wieder ein Vertrauensfall. Was mich bei Unternehmen besonders ärgert, ist eine Gewinnwarnung, die nur wenige Wochen nach einem noch komplett anders gearteten Ausblick erfolgt. Gesco war sehr gut darin. Mehrfach hat das Unternehmen eingestehen müssen, dass Ziele nicht erreicht werden konnten. Aktuell könnte man vielleicht eine Turnaroundstrategie fahren, aber dazu müsste man tatsächlich Vertrauen in das Management haben. Immerhin gab es gerade erst ein paar recht groß bemessene Insiderkäufe. Eigentlich finde ich das Konzept des Unternehmens gut - schade, dass das Management da nicht mithalten kann.

 

GFT Technologies

Das Unternehmen gehört bei mir wie Uzin Utz in die Kategorie sehr gut geführt, aber leider zu teuer. GFT ist ein absoluter Börsenliebling, der sich meines Erachtens gerade im Hypemodus befindet. Das Unternehmen hat ein funktionierendes Geschäftsmodell, mit sehr guten Aussichten. Jedoch ist der Preis inzwischen jenseits von Gut und Böse, jedenfalls wenn man das Risiko dagegenstellt. GFT ist ein kleines Unternehmen, bei dem schnell mal was schiefgehen kann. Dieses Risiko ist meiner Meinung nicht ausreichend eingepreist.

 

Unilever

Bei diesem Unternehmen bin ich mir bis heute nicht sicher, ob mein Verkauf richtig war. Die großen Konsumgüterhersteller haben zwar alle Probleme mit dem Wachstum und der Profitabilität, doch Unilever sticht da etwas heraus, wenn auch nur wenig, unter anderem weil sie nicht diese Währungsprobleme haben wie ihre US-Kollegen. Das Problem bei der Bewertung sind einerseits die Dividenden, andererseits die allgemein verbreitete Einstellung, dass man bei Lebensmittelproduzenten und Konsumgüterherstellern des alltäglichen Bedarfs nichts falschmachen kann. Daher wird man diese Unternehmen kaum zu einem wirklich fairen Preis kaufen können. Was mir an Unilever gefällt, ist das Management und die Strategie und ich könnte mir vorstellen wieder einzusteigen, wenn sich eine Gelegeneheit ergeben sollte. 

 

AAP Implantate

Hier habe ich erst kürzlich alles gesagt.

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Zusammenfassung

Insgesamt würde ich die Verkäufe genauso wieder machen. Vielleicht kann es manchmal sinnvoll sein, einen Trend noch ein kleines Stückchen mit zu gehen, aber das kann auch nach hinten losgehen, wie Leoni gezeigt hat. Bei GFT hätte es funktioniert, aber weiß ich das vorher? Ich bin kein technisch agierender Händler, sondern setzte auf funktionierende Geschäftsmodelle, ein gutes Management und das alles für nicht zu teures Geld. Eines ist mir jedenfalls auch klargeworden: Ein wirklich eingefleischter Buy and Hold Investor bin ich jedenfalls nicht, auch wenn das eigentlich meiner Idealvorstellung entspräche. Aber das Leben hält sich an kein Ideal und deshalb müssen wir immer nachjustieren. Alles fließt (panta rhei), wie schon die antiken Griechen wussten.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Schildkröte (Samstag, 24 Oktober 2015 22:37)

    Über Analysten kann man sich streiten. Sie sind bestimmt besser als ihr Ruf. Und es macht wohl einen großen Unterschied, ob ein Analyst *intern* eine Analyse bzw. eine Empfehlung für seinen Chef erstellt oder ob er dies *extern* tut. Cui bono? Ein gutes Beispiel war es wohl, als kurz vor Ausbruch der Finanzkrise eine große deutsche Bank seinen Kunden Wertpapiere zum Kauf empfahl, welche intern längst auf der Verkaufsliste standen. Gleichwohl lese ich mir gerne Analysteneinschätzungen durch. Ihre Schlussfolgerungen bzw. Begründungen interessieren mich. Ich muss ihrer Meinung ja nicht folgen.

    Buy & Hold, ja oder nein - das ist hier die Frage. Jeder soll nach seiner Facon selig werden und so an der Börse agieren, wie es ihm beliebt. Ob man dabei erfolgreich ist, können wohl erst später die Erben beurteilen. Insbesondere bei Zyklikern bietet sich aktives Trading an. Bei "langweiligen" Aktien eigentlich weniger. Bei einer deutlichen Überbewertung kann man natürlich auch mal Kasse machen. Bei einer leichten Überbewertung hingegen habe ich da so meine Bedenken. Gebühren spielen heutzutage ja eine untergeordnete Rolle. Dafür sind die Steuern nicht außer Acht zu lassen. Und wie Du schon festgestellt hast: Nach einer Überbewertung muss eine Qualitätsaktie nicht zwangsläufig im Kurs fallen, sondern kann charttechnisch auch seitwärts laufen und fundamental in seine Bewertung hineinwachsen.

  • #2

    Chris (Sonntag, 25 Oktober 2015 21:43)

    Ich denke, dass man sich nicht mit den Kursentwicklungen von verkauften Aktien rumschlagen sollte. Viel wichtiger ist, ob der Grund wieso du verkauft hast so eingetreten ist, bzw. ob deine These Stand gehalten hat.

    Wie Graham schon gesagt hat: “In the short run, the market is a voting machine but in the long run, it is a weighing machine.”

    So long

  • #3

    Christian (Montag, 26 Oktober 2015 19:02)

    Ich habe diese Rückschau nur veranstaltet, um zu sehen, ob ich die Verkaufsentscheidungen so wieder treffen würde. Ob die Kurse mir jetzt recht geben oder nicht, dafür ist der Zeitraum viel zu kurz. Interessant ist es aber trotzdem. Speziell die Übertreibung bei der Hannover Rück fand ich ausgesprochen lehrreich.

    Insgesamt habe ich mich auch wirklich gewundert, wie viele Aktien ich wieder verkauft habe. Vielleicht sollte ich dahingehend doch etwas zögerlicher sein.

  • #4

    Volatilität (Mittwoch, 28 Oktober 2015 13:36)

    Ich denke die Anzahl der Verkäufe ist so hoch, da du in einige Zykliker im Small- und Mid-Cap Bereich investiert hast. Hier würde ich mich mit b&h auch nicht wohlfühlen. Gerade kleine Firmen sind mal mit einem zurückgezogenen Auftrag schnell weg vom Fenster, oder werden direkt vom Kapitalmarkt hart abgestraft. Mir fehlt da einfach die Robustheit, zusätzlich ist man oft vom negativen inhabergesteuerten Handeln betroffen, welches eben bei kleinen Unternehmen nicht immer im Einklang mit den Streubesitzaktionären stattfindet.

    Gruß Vola