Der Fall Gerry Weber

Wahrscheinlich jeder Aktieninteressierte hat den Absturz von Gerry Weber in der letzten Woche mitbekommen. Dabei galt das Unternehmen als ein klassischer Valuewert mit einem wunderschön langweiligen Geschäftsmodell. In den letzten zehn Jahren wurden die Investoren mit einer Verzehnfachung des Aktienwertes belohnt. Jetzt wurden die Kursgewinne der letzten 4 Jahre zunichte gemacht. Noch in der Maiausgabe des Nebenwerte Journals war Gerry Weber die Titelstory und zu Kursen von 30€ zum Kauf empfohlen. Ist die Story jetzt zu Ende oder sollten Langfristanleger bei der Stange bleiben?

Der Kursverlauf

Links 6 Monate, rechts 5 Jahre (Quelle finanzen.net)

Das Unternehmen

Gerry Weber ist ein Modelabel, das sich an eine gehobene etwas ältere weibliche Klientel richtet. Der Schwerpunkt liegt dabei noch immer auf Deutschland und Europa. Die ursprüngliche Strategie lag zunächst darin, nicht selbst Filialen zu betreiben, sondern an Bekleidungshäuser zu liefern. Seit einiger Zeit werden aber bevorzugt eigene Filialen eröffnet und mit Hallhuber versucht, eine Expansionsstrategie durch Zukäufe zu fahren.


Mit fast 30% ist der Gründer Gerhardt Weber am Unternehmen beteiligt und machte immer wieder durch Insiderkäufe von sich reden. Offenbar glaubt er an sein Unternehmen und ebenso der aktuelle Nachfolger und Sohn, der inzwischen ebenfalls die 3% Schwelle überschritten hat.


Die Kennzahlen sind sehr solide und die Bilanz ebenso. Die Eigenkapitalquote liegt bei rund 75%, die Liquiditätslage ist hervorragend. Die Entwicklung des Eigenkapitals und des Gewinns kannte bisher nur eine Richtung: nach oben. Also eine Menge Gründe für den klassischen Valueinvestor, sich hier einzukaufen. Es stellen sich also zwei Fragen Was ist an dieser Analyse falsch oder könnte es sein, dass die Aktie nach dem Absturz evtl. unterbewertet ist?


Ein Burggraben in der Modebranche?

In der Modebranche einen Burggraben zu errichten, dürfte sehr schwer sein und gelingt nur einer kleinen Anzahl von Unternehmen. In der Regel sind diese Unternehmen eher im Luxus- bzw. Hochpreissegment zu finden. Billigstrategien wie von H&M können sich nur halten, wenn es zusätzliche Qualitäten gibt, wie etwa der schnelle Umsatz der ausgestellten Kleidung, so dass Käufer bei jedem Besuch einer Filiale erwarten können, Neues zu entdecken. Trotzdem dürften die Margen in diesem Bereich nicht berauschend sein. Primark, Takko und KIK arbeiten hart daran, H&M das Leben schwer zu machen.


Im gehobenen Segment gab es dagegen lange Zeit nur wenig Konkurrenz für Gerry Weber. Die Zahl der Frauen über 40 nahm in Deutschland immer weiter zu und ebenso deren Modebewusstsein. Hier trafen sich wohl tatsächlich Nachfrage und Angebot fast ideal. Aber war das tatsächlich eine Art Burggraben? Wohl kaum, denn wer mit offenen Augen durch die Kaufhäuser läuft, kann sehen, dass sich eine ganze Menge Trittbrettfahrer auf die gleiche Kundengruppe zu konzentrieren scheint. Und was sollte einen Modehersteller auch daran hindern, hier aktiv zu werden? Und was ist, wenn Gerry Weber plötzlich bei den Frauen nicht mehr angesehen ist und sie die Marke als Massenware und langweilig empfinden?


Ich sehe hier jedenfalls langfristig keinen echten Burggraben und es sieht wohl so aus, dass Gerry Weber in Deutschland und Europa einfach an seine Wachstumsgrenze gekommen ist. Dazu kommt die neue Strategie eigene Läden zu eröffnen. Das ist eine teure Angelegenheit, kostet an guten Standorten einen Haufen Miete und kannibalisiert möglicherweise den Verkauf des eigenen Labels in den benachbarten Bekleidungsgeschäften.


Die Probleme

Wer eigene Läden betreibt, hat den Nachteil, hohe Fixkosten zu haben, die auch dann nicht verschwinden, wenn die Nachfrage sinkt, wie aktuell geschehen. Personal und Miete müssen trotzdem gezahlt werden. Das alte Geschäftsmodell von Gerry Weber, keine eigenen Verkaufsflächen bereitzuhalten, fand ich jedenfalls aus Anlegersicht sehr viel flexibler, weniger kapitalintensiv und damit sympathischer. Meiner Ansicht nach ist es ein Kardinalfehler gewesen, sich darauf zu versteifen, massenhaft eigene Filialen aufzumachen und genau dieser Fehler dürfte hauptverantwortlich für den aktuellen Gewinneinbruch gewesen sein, auch wenn hier von Unternehmensseite leider nicht wirklich Aufklärung erfolgt ist (Schlechtes Wetter, Kunden bleiben weg).


Die Bewertung war zuletzt (vor dem Kurssturz) mit einem KGV von über 20 mehr als sportlich und welcher Gewinn in den nächsten Jahren erwirtschaftet werden kann, ist kaum prognostizierbar. Die jetzigen Prognosen sind nicht mehr als ein schöner Wunschtraum. Von daher ist Gerry Weber auch zum aktuellen Preis als Langfristinvestment nicht wirklich zu empfehlen.

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Kommentare: 3
  • #1

    Alexander (Donnerstag, 25 Juni 2015 20:03)

    Sehr gute Analyse, mit Deinen eigenen Gedanken und einen etwas anderen Blickwinkel als in den einschlägigen Zeitschriften.

    Danke :)

  • #2

    Schildkröte (Donnerstag, 25 Juni 2015)

    Bis zur Jahrtausendwende war Gerry Weber vorwiegend als Großhändler aktiv, belieferte also vornehmlich große Kaufhausketten wie Kaufhof, Karstadt, Peek & Cloppenburg etc. Seit der Jahrtausendwende setzte Gerry Weber zusätzlich immer mehr auf den Einzelhandel, also auf die Eröffnung eigener Läden. Die angestrebte Quote von 50% ist innerhalb von Deutschland inzwischen erreicht. Auch was zusätzliches Wachstum durch die Eröffnung neuer Läden anbelangt, ist der deutsche Markt inzwischen wohl eher erschöpft. Weiteres Wachstum ist also vorwiegend im Ausland erzielbar. Das ist schon spekulativ. Zu beachten ist, dass es in wichtigen Märkten wie Russland und China keine Mittelpreissegment im Bereich Mode gibt. Also nur Louis Vuitton einerseits und Primark andererseits. Charttechnisch ist die Aktie zwar gut zurückgekommen, aber war sie fundamental auch schon recht ordentlich bewertet. Meines Erachtens müsste die Aktie im Vergleich zu Wal*Mart vom KGV her günstiger zu haben sein, um für einen Einstieg (wieder) interessant zu sein. Diversifiziertere Alternativen sind z. B. LVMH oder VF Corporation.

  • #3

    Christian (Samstag, 27 Juni 2015 11:37)

    Aus dem Bekleidungssektor halte ich mich lieber fern. Dazu ist dort viel zu viel Kommen und Gehen. Wenn ich Trendscout wäre und eine neue Marke bei ihrem Aufstieg beobachten würde, wäre das vielleicht was anders, aber wer hat schon dieesen Einblick.