Aktionärsversammlungen: Muss das sein?

Ein Vergnügen ist der Besuch einer Aktionärsversammlung sicher nicht. Wer sich gerne verschachtelte Sätze in Bürokratendeutsch anhört, mag da anderer Meinung sein, doch mein Ding ist das nicht. Aber nicht alles ist langweilig: Wenn man die pflichtgemäß abgespulten einleitenden Sätze des Aufsichtsratschefs überstanden hat und der Chef des Unternehmens in der Lage ist, interessant vorzutragen, dann kann es tatsächlich spannend werden. Und wenn man es mit einem echten Verkaufsprofi zu tun hat, versteht man auch, warum nicht nur Warren Buffett seine Informationen lieber nicht direkt vom Firmenchef haben wollte.


(Noch eine kleine Info zum Depot: Es gab einen Kauf, nämlich "Dorman Products", ein kleineres Unternehmen aus den USA. Dazu dann aber mehr in einem Beitrag Mitte der Woche.)

Der Ablauf

Die Versammlung bei Init war meine Premiere. Ich nehme an, bei so kleinen Unternehmen geht das etwas anders zu, als etwa bei einem großen DAX Unternehmen. Es dürfte alles etwas familärer sein, die Vorstände mischen sich unter das Volk, man kann mit ihnen persönlich reden, wenn einem danach ist und die Teilnehmeranzahl hält sich sehr in Grenzen.


Zunächst einmal ist alles sehr formal, denn es muss ja den Gesetzen und Verordnungen Genüge getan werden, um spätere Anfechtungen auf Grund von Formfehlern zu vermeiden. Nach den Worten des Aufsichtsratschefs folgten die Vorträge des Chefs und des Finanzchefs. Wenn man mag, kann man sich anschließend zu Wort melden und während der Aussprache seine Fragen stellen. Zunächst kamen zwei Verteter von Aktionärsschutzvereinigungen zu Wort, die tatsächlich genau die Fragen stellten, die ich ich auch im Sinn hatte. Es erübrigte sich also eine Wortmeldung. Natürlich gibt es auch immer einige vereinzelte, ziemlich überflüssige Beiträge, aber die waren gut auszuhalten. Ich muss sagen, dass der Vorstand (er besteht aus 4 Mitgliedern) sehr bemüht war, jede Frage detailliert zu beantworten. Ein ganz klarer Pluspunkt.


Zum Schluss wird abgestimmt, was ein langatmiges und sehr formal bürokratisches Prozedere ist. Hat man das überstanden, bekommt man seine Belohnung: Das Buffet wartet, dessen Qualität später zu einem der Hauptdiskussionspunkte der Aktionäre wurde. (Hier zwei Originalzitate: "Über das Essen kann man echt nicht meckern", "Bei Sto das letzte Mal war auch lecker"). Wenn nicht wegen des Essens, warum sonst sollte man eine Aktionärsversammlung besuchen?


Vorteile

Mein Verständnis vom Geschäftsmodell hat sich mit Sicherheit deutlich verbessert. Das hängt natürlich von der Vortragskunst des Chefs ab, die im Fall von Init sehr gut war.


Zweiter Vorteil ist die Beseitigung von Unklarheiten: Im Geschäftsbericht von Init waren mir einige Dinge aufgefallen, die mir Sorgen bereiteten und die mich ja auch dazu veranlassten, einen Teil meiner Aktien zu verkaufen. Es ging dabei:

  1. um den bereits erwähnten Rückgang des Auftragsbestandes
  2. um eine auffällige Zunahme der Vorräte
  3. um den niedrigen Cashflow im letzten Jahr

Diese drei Punkte kamen alle zur Sprache und wurden mehr oder weniger gut aufgeklärt. Ob man das als ausreichend empfindet, muss jeder selbst entscheiden, im letzten Punkt fehlten mir ehrlich gesagt ein paar konkrete Zahlen. Die ersten beiden Punkte erschienen mir ausreichend geklärt. (Wer jetzt mehr darüber wissen will, bitte nachfragen.)


Insgesamt lassen sich schon einige Dinge erhellen, die im Geschäftsbericht auffallen, aber dort nicht ausreichend geklärt werden. Oder sie bleiben ungeklärt, was dann eben ein eher schlechtes Bild auf das Unternehmen wirft.


Nachteile

Ganz klar: Die meisten Unternehmenschefs sind sehr gute Verkäufer und das ist definitiv auch bei Herrn Greschner von Init der Fall. Er verstand es, seine Begeisterung für die Technik auf das Auditorium zu übertragen und das Bild vom Unternehmen in den besten Farben zu malen. Ob man das dann objektivieren kann, hängt wohl von der eigenen Persönlichkeit ab. Andererseits kann es nicht das Ziel einer solchen Veranstaltung sein, mit einem guten Gefühl wieder nach Hause zu fahren, sondern man möchte ja ein objektives Bild bekommen. Ich gebe zu: Auch ich konnte mich diesem "guten Gefühl" nicht entziehen.


Der zweite Punkt ist die scheinbar rationale Erklärung von Ungereimtheiten in der Bilanz. Der Finanzchef kann einem viel erklären, er ist einem ja in Sachen Information haushoch überlegen. Daher fällt es schwer, nachzuhaken und die wunden Punkte aufzudecken. Deshalb wird hier der persönliche Eindruck vermutlich mehr zählen, als die Sachinformationen. Es wäre mit Sicherheit besser, wenn die Ungereimtheiten schriftlich im Geschäftsbericht befriedigend abgehandelt werden, was aber leider bei den oben genannten Punkten nicht der Fall war. Auch hier lässt man sich leicht von vermeintlich einleuchtenden Erklärungen einwickeln. 


Resümee

So eine Versammlung einmal mitgemacht zu haben ist sicher von Vorteil. Man erhält sehr viele Infos quasi nebenher, die man auf andere Weise nicht bekommen würde. Man bekommt einen Eindruck davon wie das Unternehmen geführt wird und wenn es der Chef gut macht, auch ein besseres Verständnis des Geschäftsmodells. Kommt bei so einer Rede dagegen nur Bullshit, dann ist man als Aktionär vielleicht doch bei dem falschen Unternehmen gelandet.


Andererseits lässt man sich auf so einer Versammlung auch gerne einwickeln. Ich persönlich sehe mich nicht in der Lage, den Verkäufertalenten eines Unternehmenschefs komplett zu widerstehen und ich hoffe ja, dass er Verkäufertalente hat, denn sonst wäre er der falsche Mann auf der Position. Von daher würde ich zukünftig nur zu solchen Unternehmen fahren, wo ich wirklich mehr über das Geschäftsmodell und das Drumherum erfahren möchte. Dann aber lohnt es sich in der Regel wirklich, ob im positiven oder negativen Sinne.


Letztlich ist das Ganze natürlich auch eine Frage der eigenen praktischen Möglichkeiten. Einen Tag frei nehmen, evtl. übernachten, nur um an einer Versammlung teilzunehmen, das kann man sich nicht allzu oft leisten, zumal dann auch ein mehr oder weniger großer Teil der Dividende dafür drauf geht. Nicht ohne Grund war der Großteil der Anwesenden sichtbar bereits im Rentenalter befindlich. Da machten sich anscheinend manche ältere Ehepaare einen schönen Tag. Immerhin waren aber vom Freefloat etwa die Hälfte der Stimmen anwesend, was ich ganz beachtlich fand.


Von daher bin ich mir nicht sicher, ob ich nochmals an so einer Versammlung teilnehmen werde. Der Aufwand ist eigentlich zu hoch.


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Kommentare: 5
  • #1

    Schildkröte (Samstag, 16 Mai 2015 18:41)

    Vom Tenor her bist Du HVs anscheinend sehr skeptisch gegenüber eingestellt. Hinsichtlich des wirtschaftlichen Standpunktes (Urlaub, Anfahrt, ggf. Hotel etc.) bin ich bei Dir! Aber geht es uns ausschließlich um Geldanlage? Irgendwo ist die Börse doch auch ein Hobby für uns und eine Möglichkeit, sich ständig in neue Sachverhalte einzuarbeiten und so seinen Geisteshorizont permanent zu erweitern. Deshalb kann ich jedem nur empfehlen, zumindest einmal eine HV zu besuchen. Wenn es einem nicht gefällt, muss man es ja nicht wieder tun. Ich versuche es einmal pro Jahr. Einige Anleger gehen tatsächlich bloß wegen dem Essen zu HVs. Redner gibt es dort gute und schlechte. Das betrifft nicht nur Manager, sondern ebenfalls Wortmeldungen der Aktionäre. Einige kritische Fragen können die Manager durchaus in Erklärungsnot bringen. Andere Wortmeldungen hingegen sind schlichtweg Realsatire. ;-)

  • #2

    Alexander (Sonntag, 17 Mai 2015 11:59)

    Die großen HV kann man eh vergessen, da beweihräuchern sich die Firmenchefs und das Essen ist mager. Bei kleinen Gesellschaften kriegt man einen guten Eindruck vom Management und kann mit diesem vielleicht ein paar Worte wechseln. Das Essen ist oft viel besser und ausgewählter. Es ist eben eine Unterschied ob ich 5.000 Leute verköstige oder nur 50. HV ist für mich Essen gehen und nach dem offiziellen Procedere die Rede vom Vorstand zu hören. Inzwischen fahre ich aber kaum noch zu einer HV. Viele bieten inzwischen einen Live-Stream, das langt mir auch. Als Rentner werde ich wieder öfter gehen und mit meiner Frau einen schönen Tagesausflug daraus machen ^^.

  • #3

    TobiB (Sonntag, 17 Mai 2015 16:27)

    Interessant zu hören, bei dürfte IVU in nem Monat Premiere werden - aber auch nur weil es eh in der Stadt ist. Meinst du es lohnt sich darauf vorzubereiten (nochmal GB lesen und Fragen zu überlegen) oder ergibt sich das alles und man braucht nur abwarten?

  • #4

    Christian (Sonntag, 17 Mai 2015 22:06)

    @Schildkröte: Unterschätz nicht die persönliche Überzeugungskraft von Vorständen. Das steht meiner Ansicht nach einer objektiven Meinungsbildung klar im Wege. Je sympathischer desto mehr. Andererseits lernt man gerade die kleineren Unternehmen nirgendwo besser kennen, als bei einer HV. So war es jedenfalls bei Init. So kleine Details, wie etwa Aufträge abgearbeitet werden, waren außerordentlich interessant und erhellend. Die Medaille hat eben zwei Seiten.

    @Alexander: Ich stelle mir das Leben als pensionierter Aktionär sehr angenehm vor: Ab und zu eine Städtereise mit angeschlossenem HV Besuch. Fänd ich gut. Diese Ehepaare sahen auch sehr zufrieden aus mit sich und der Welt. Das ist bestimmt nicht das Schlechteste.

    @TobiB: Bei Init hatte ich mir den Geschäftsbericht ja erst kurz davor durchgelesen und war daher auf dem neuesten Stand. Du bekommst auch eine Papierausgabe in die Hand gedrückt, da kann man dann noch schnell die Zahlen nachschauen. Bei Init hatte ich erstmal abgewartet, was da an Infos noch kommt, bevor ich mich als Fragender in die Liste eintrage. Das war auch gut so, denn alle meine Fragen wurden schon von anderen gestellt.
    Es empfiehlt sich allerdings die Fragen möglichst konkret und direkt zu stellen, dann ist die Chance am größten, keine Wischiwaschiantwort zu bekommen und erleichtert den Vorständen auch ihre Arbeit. Und wenn es dir wichtig ist, macht es gar nichts, eine Frage doppelt zu stellen. Das erhöht dann eben die Dringlichkeit. Da ich annehme, dass es bei IVU ebenso familär zugeht wie bei Init, dürfte die Fragestunde auch nicht ewig dauern und man darf keine Skrupel haben, zu fragen.

    Das Prozedere war so, dass die Fragen sowohl vom Vorstand selbst, als auch von einer Riege Stenotypisten mitgeschrieben wurden und am Ende alle auf einmal und nacheinander weg beantwortet wurden. Man hätte dann noch nachhaken können, was aber keiner gemacht hat. Wenn ein Vorstand auf eine Frage nicht eingegangen ist, wurde er von den Stenotypisten darauf aufmerksam gemacht. Das fand ich ziemlich seriös und man war bemüht wirklich auf Alles einzugehen. Selbst albernste Fragen zu den Anzeigetafeln in den Karlsruher Straßenbahnen wurden beantwortet.

    Ich bin übrigens sehr neugierig in Sachen IVU. Da sie ja direkter Konkurrent von Init sind könntest du ja mal was drüber schreiben.

  • #5

    markymark (Samstag, 23 Mai 2015 09:41)

    Ich war vor drei Jahren mal auf einer Drillisch Hauptversammlung in der Oper Frankfurt. Da waren schätzungsweise 200 Aktionäre, also sehr übersichtlich. Ich muss schon sagen, der Unterhaltungswert dort war genial. Ging recht locker zu. Die Fragen einiger Aktionäre hatten schon enormen Unterhaltungswert. Ein Rentnerpaar beschwerte sich über ein fehlendes Frühstück vor der HV. Man hat ja immerhin ne weite Anreise. Nur ein Beispiel. Wenn das die einzigen Probleme sind, dann passt ja sonst alles. Der Vorstand war super nett und das Highlight war dann für viele das mittlerweile schon legendäre Bankett nach der Versammlung. Der Erdbeerkuchen hat schon Kultstatus. Es war wirklich familiär und ich plane in Zukunft einen weiteren Besuch. Die gute Stimmung dort ist sicherlich auch auf die hervorragende Entwicklung von Kurs und Unternehmen zurückzuführen. Ein Besuch einer Allianz HV würde für mich eben nicht in Frage kommen. Das ist mir in allen Belangen einfach zu aufgebläht und langatmig. Also als Tipp: Spaßfaktor bei kleineren Unternehmen sicherlich höher.