Mein Bewertungsmodell

Bewerten kann man Unternehmen nach einer Vielzahl von Maßstäben und Methoden. Ist man mit altbewährten Kennzahlen wie KGV etc. nicht mehr zufrieden, wendet man sich neueren, wie dem EV/Ebit und was nicht alles zu. Diese Kennzahlen haben alle ihre Berechtigung. Die große Anzahl an Methoden, samt diversen „Numbers“ und „Ratings“, die nach großen Investoren benannt sind, bedeutet aber vor allem eines: So richtig funktionieren tut keine, denn sonst hätte sich eine bereits durchgesetzt. Und wie auch? Gäbe es die eine gut funktionierende Methode, so wäre sie schon gestorben, denn wenn alle sich daran halten, kann wohl niemand damit mehr eine Überrendite erwarten, im Gegenteil. Wie soll man dieses Paradoxon auflösen?

 

Das unlösbare Problem

Eine Patentlösung habe auch ich nicht gefunden. Alle Lösungen, die ich kenne, leiden unter dem immer gleichen Manko: Man muss sich auf höchst unsichere Prognosen verlassen. Und dann wird eine Beurteilung, die eigentlich sehr differenziert ausfallen müsste, zu einer einzigen Zahl verdichtet. Doch wie anders, als mit einer Zahl will man eine Überbewertung ausdrücken? Letztlich steht am Ende eine Entscheidung: Ja oder Nein und nicht vielleicht. Auch meine Methode, zu der ich mich letztendlich durchgerungen habe, leidet unter diesen Unzulänglichkeiten.

 

Das Payback Prinzip

Geklaut habe ich meine hier vorgestellte Methode aus dem Buch von Phil Town: „Erfolgreich anlegen in 8 Schritten“, an das mich der Dividenden-Sammler freundlicherweise wieder erinnert hat. In dem Buch werden Aktien danach bewertet, in welcher Zeit sie durch ihre Gewinne den Einkaufspreis wieder hereinholen. Das KGV ist ja im Prinzip nichts anderes, beschreibt es doch, wie viele Jahre es braucht, bis die kumulierten Gewinne den aktuellen Kurs erreicht haben. Town fügt dem noch das zu erwartende Gewinnwachstum hinzu. Das fand ich keine dumme Idee, dachte mir dann aber, dass da noch die Dividende fehlt, die ich dem Ganzen noch hinzufügen möchte. Ihr erinnert euch vielleicht noch an meine „Daumenregel“, die ich hier mal vorgestellt hatte, die beruhte auf einer ähnlichen Überlegung.


Das mit der Dividende ist zwar rein theoretisch komplett falsch, weil ja in den Gewinnen die Dividende schon drin ist, aber praktisch gesehen orientiert sich der Preis einer Aktie immer am aktuellen Gewinn, egal ob eine Dividende ausgezahlt wurde oder nicht. Und letztlich sollte ein Unternehmen, das anstatt Dividende zu zahlen, lieber das Geld investiert, langfristig auch ein höheres Gewinnwachstum vorweisen. So gleicht sich dann alles wieder aus.


Die Formel

Machen wir das erstmal ohne Dividende: Der aktuelle Kurswert sollte also nicht höher sein, als der über eine festgelegte Zahl an Jahren zu erzielende Gewinn. Würde der nicht wachsen, bräuchte ich gar nichts zu rechnen, denn KGV 14 bedeutet, es braucht 14 Jahre, bis der in dieser Zeit aufaddierte Gewinn dem Kurswert entspricht. Wir hoffen nun aber, dass der Gewinn wächst und das macht die Sache komplizierter zu rechnen. In Kurzform sieht das z.B.für drei Jahre so aus:


Gewünschter maximaler Kaufkurs = EPS*q + EPS*q2 + EPS*q3


EPS = Earning Per Share, q ist der Wachstumsfaktor, der sich direkt aus der Prozentzahl für das durchschnittliche Gewinnwachstum pro Jahr ergibt. (z.B. 10% → q = 1,10 oder  5% → q = 1,05). Liegt der Gewinn pro Aktie aktuell bei 10€ und das Gewinnwachstum pro Jahr bei 5%, dann hätte er nach dem ersten Jahr 10,5 erreicht, im zweiten dann 11,025 und im dritten 11,58€. Das zusammengezählt ergibt meinen gewünschten Kaufkurs, also 33,10€.


Teile ich es noch durch den aktuellen Gewinn pro Aktie, also 10€, dann habe ich links ein KGV (= Kurs geteilt durch Gewinn pro Aktie) und rechts ergibt sich aus der Rechnung (10,5 + 11,025 + 11,58)/10 = 3,31. Für dieses KGV von 3,31 würde ich dann die Aktie kaufen wollen, was natürlich viel zu niedrig ist, aber das ist ja nur ein Beispiel. Ein paar Jahre mehr muss man so einer Aktie dann schon noch geben.


Damit man nicht so viel zu rechnen hat, haben die Mathematiker das für uns abgekürzt und umgeformt. Die Formeln unten zeigen das Resultat. Wer das gerne nachrechnen möchte, kann unter Endwertformel oder Rentenendwert suchen. (Z.B. hier, man muss zum Unterkapitel Rentenrechnung gehen)


 

Ich nehme also das geschätzte Wachstum für die nächsten Jahre und schaue mir an, nach wieviel Jahren mein kumulierter Gewinn dem aktuellen KGV entspricht. Das können wir nun einfach mal für unterschiedliche Wachstumsraten und Jahre ausrechnen und in eine Tabelle eingeben (wo wären wir heute ohne Excel):

Nehmen wir ein Beispiel: Unternehmen XY hat ein Wachstum von 10% pro Jahr zu erwarten und ist für ein aktuelles KGV von 16 zu haben. Dann gehen wir in die Zeile mit dem Wachstumsfaktor von 1,1 (entspricht 10%) und finden uns in der Mitte zwischen 9 und 10 Jahren wieder. So weit, so gut, aber noch fehlt mir die Dividende. 

 

Der Dividendenfaktor

Mein Ansatz lautet hier: Um die kumulierte Dividende darf der Kurs höher sein, als jetzt. Am besten funktioniert das, indem wir unsere Formel oben um einen Dividendenfaktor ergänzen, den wir uns aber separat ausrechnen. Das tun wir deshalb, weil sich über die Jahre auch die Dividende erhöht, wir also auch hier mit der bekannten Wachstumsformel rechnen müssen. Der Dividendenfakor ist damit abhängig von der Dividendenhöhe, dem prognostizierten Dividendenwachstum und der Zahl der Jahre. Das macht die Sache jetzt kompliziert, zumal man leider für jede einzelne Aktie extra die Dividendenwerte eingeben muss. Alles andere macht dann aber Excel für uns.

Beispiel: Procter & Gamble.

 

Die Werte entnehme ich einfacherweise und ungeprüft Finviz, da ist alles vorhanden. Als KGV nehme ich den Wert aus dem vergangenen Jahr bzw. ttm (=trailing twelve month) also aus der Vergangenheit, sonst wäre das Wachstum ja schon mit eigerechnet. Die Werte, die ich brauche sind die folgenden:

 

  • KGV: 23,82;
  • PE next 5y = 6,17% (q = 1,06)
  • Dividend% = 3,17%, 
  • Dividendenwachstum 6% (q = 1,06) (von mir geschätzt und nicht höher als das PE Wachstum).

 

Die mit dem entsprechenden Dividendenwert modifizierte Tabelle sieht dann so aus (Der Vergleich zur Tabelle oben zeigt, wie sehr die Dividende die KGVs verändert hat.)

In der roten kleinen Dividendentabelle gebe ich per Hand jeweils die aktuelle Dividendenrendite (in Prozent) und das Wachstum ein. In der Tabelle unten errechnet sich daraus der an die Zahl der Jahre angepasste Dividendenfaktor und den brauchen wir dann, um oben die KGV Werte zu bekommen. In der Tabelle habe ich das für P&G relevante Feld orange hervorgehoben: Mit einem KGV von 23,82 müssten wir 11 Jahre warten, bis sich unser Investment bezahlt gemacht hätte. Ganz schön lange, also insgesamt nicht billig, trotz des Kursrückganges in der letzten Zeit. Für Dividendenwerte kann man nach meinem ersten Eindruck sagen, das alles um die 10 Jahre einigermaßen gut ist. Aber dazu mehr in einem anderen Beitrag.

Geschafft

Ich hoffe ihr konntet mir folgen, denn so ganz einfach ist das für den Matheamateur ja nicht gerade (und ich bin auch einer). Betriebswirtschaftler werden sich da eher zurechtfinden, denn die entsprechenden Formeln werden dort oft benutzt. Die Wachstumsformel gibt es glaube ich auch vorgefertigt in Excel, aber ich mache mir so etwas lieber selbst. Wenn man es aber erst einmal hat, ist es überhaupt nicht kompliziert. Ich habe mir die Tabelle in mein automatisch aktualisiertes Excelsheet eingebaut und bekomme damit die aktuellen KGVs immer automatisch eingepflegt. Wachstumsraten etc. muss ich natürlich von Hand eingeben und schätzen, aber das tue ich ja ohnehin, wenn ich mir eine Aktie anschaue.


Insgesamt bin ich mit meiner Methode ganz zufrieden, mit allen Mängeln, die mit so einer Methode verbunden sind. Will man das aktuelle KGV mit dem Gewinnwachstum und der Dividende zusammenfassen, so scheint mir die Berechnung der Paybacktime eine einigermaßen brauchbare Methode. Wie ich sie dann genau anwende und ob sie sich bewährt, das wird die Zukunft zeigen, einen ersten Überblick über die Paybacktimes meines Portfolios werde ich in der nächsten Monatszusammenfassung geben. Da bin ich nnoch am Auswerten.


Zu guter letzt noch die Tabellen zum herunterladen, einmal als Excel das andere als Openoffice Version.

Download
Aktienbewertung.xlsx
Microsoft Excel Tabelle 13.9 KB
Download
Aktienbewertung.ods
Open Office Spreadsheet 19.9 KB

Ich wünsche allen Lesern eine schöne Zeit,

Christian

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Kommentare: 14
  • #1

    Schildkröte (Samstag, 25 April 2015 19:16)

    Bei den Dividenden mag es ja noch nachvollziehbar sein, abzuschätzen, wann man sein Geld "wieder drin" hat. Aber welchen Sinn macht das bei den Gewinnen? Diese Überlegung macht meines Erachtens nur Sinn, wenn der (nicht über eine Dividende ausgeschüttete) Gewinn künftig dem Eigenkapital zugeschrieben wird und zur Bewertung der Aktie der Buchwert bzw. das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) aussagekräftig ist (etwa Finanzwerte und Rohstoffe- sowie Energiekonzerne). In vielen Branchen ist das KBV aber nebensächlich (insbesondere in der IT-Branche), sondern vielmehr das KGV eine wichtige Kennzahl. Da bleibt nur zu hoffen, dass die einbehaltenen Gewinne "sinnvoll" investiert werden, so dass das Unternehmen weiter wächst, künftig entspr. (mehr) Gewinne fließen und so auch über das KGV eine Wertsteigerung erfolgt. Im Übrigen kann es passieren, dass ein Unternehmen Geld "verbrennt" und/oder über die Wupper geht. Dann ist das einbehaltene Geld "futsch".

  • #2

    Christian (Sonntag, 26 April 2015 11:57)

    Das Ganze ist eine rein quantitative Bewertung, ob ein Unternehmen grundsätzlich teuer oder billig ist. Diese Bewertung kommt erst dann zum Tragen, wenn die qualitative (Stockpicker Manifest) erfolgt ist. Ich sehe das eher als eine Ergänzung und vor allem dazu geeignet, wachstumsorientierte Unternehmen mit stetigen nur langsam wachsenden Dividendenausschüttern zu vergleichen. Wenn ich jetzt noch den Buchwert mit einbeziehe, wird es erstens zu kompliziert und zweitens sind die Vergleiche dann nur branchenintern wirklich aussagekräftig.

    Dass dann etwas "Sinnvolles" mit dem Gewinn geschehen wird, ist glaube ich durch keine quantitative Bewertung erfassbar, jedenfalls nicht für die Zukunft.

    Interessant finde ich, dass du das KBV für drei Branchen wichtig findest, die ich alle nicht in meinem Portfolio habe und ehrlich gesagt auch nicht vorhabe zu besitzen. Passt also.

  • #3

    Schildkröte (Sonntag, 26 April 2015 15:29)

    Es gibt sicher noch weitere Branchen, wo der Buchwert wichtig ist, etwa die Immobilienbranche. Hier spricht man in diesem Zusammenhang jedoch vom Nettoinventarwert. Wenn es Dir jedoch mehr um das KGV geht bzw. darum, wann man sein Geld über die künftigen Gewinne wieder drin hat, sollte man bedenken, dass

    - in vielen Branchen unterschiedlich hohe KGVs als Durchschnittswert anzusetzen sind,
    - Gewinne (stark) schwanken können, so dass insbesondere in (sehr) zyklischen Branchen das KGV nur bedingt aussagekräftig ist und
    - gerade Wachstumswerte extrem hohe KGVs haben und es so sehr lange dauern kann (wenn überhaupt), bis sich der damit einhergehende KGV-Aufschlag tatsächlich bezahlt macht.

  • #4

    Alexander (Sonntag, 26 April 2015 16:59)

    Sehr interessanter Ansatz, jedoch wäre ich auch beim Gewinn vorsichtig und damit beim KGV. Der Gewinn ist durch kreative Buchhaltung oder z. B. nicht cash-wirksame Abschreibungen leicht zu verzerren. Da wäre z. B. der Free Cash Flow eher geeignet. Ich lege auf den ausgewiesenen Gewinn fast gar keinen Wert. Aber ich habe vermutlich eine andere Zielsetzung, stetige Dividendeneinnahmen und weniger Kursgewinne. Letztendlich müsstest du einen Backtest machen, um zu sehen wie deine Berechnungen mit einer danach folgenden Kursentwicklung korrelieren. Aber letztendlich macht jeder von uns irgendwelche Berechnungen, einfach um etwas zu haben, an dem man sich festhalten kann. Ich rechne z. B. mit der durchschnittlichen Erhöhung der Dividende der letzten fünf Jahre und rechne diese mit der aktuellen Dividendenrendite auf 10 Jahre hoch. Naja, ob es sinnvoll ist, kann ich in 10 Jahren sagen.
    Jedenfalls tolle Arbeit, bin mal auf deine weiteren Ergebnisse gespannt.

  • #5

    Christian (Montag, 27 April 2015 10:36)

    @Schildkröte: Immobilienaktien habe ich auch nicht ...
    Das Branchen unterschiedliche KGV Niveaus haben, wird sich am Ende in der Anzahl der Paybackjahre niederschlagen und dabei ist das dann zu berücksichtigen. Für Zykliker etwa muss die Paybacktime sehr viel kürzer sein, denn es steht ja zu erwarten, dass mit zunehmender Zeit das Risiko einer Rezession deutlich ansteigt.

    Dass Wachstumswerte sehr viel höhere KGVs haben ist ja gerade der Grund, warum ich das jetzt so zusammengebastelt habe. Ziel ist es ja gerade Valuewerte mit niedrigem KGV mit Wachstumswerten sowie Dividendenaktien (mit allen möglichen Zwischenstufen) direkt vergleichen zu können.

    @Alexander: Das hängt tatsächlich von den Zielen ab. Der Cashflow ist für Dividendenfans natürlich das Wichtigste.
    Der FCF mag zwar weniger manipulierbar sein, ist aber sehr viel schwankungsanfälliger in Sondersituationen. Deshalb ist der Gewinn für meine Zwecke besser geeignet und selbst da muss man die Zahlen bisweilen an spezielle Situationen anpassen, um aussagekräftige Zahlen zu bekommen. Ein Beispiel ist AT&T, die ohne Adjustierung für 2015 einen sagenhaften Gewinnsprung von über 100% vorweisen könnten.

    Ich bin kein Fan von Backtests. Die Begründung habe ich in dem Artikel (http://www.stock-blog.de/2015/04/08/warum-die-meisten-studien-zu-anlagestrategien-vermutlich-falsch-sind/) gegeben. Außerdem arbeite ich ja mit Prognosen und nicht mit Resultaten und im Nachhinein Prognosewerte zu bekommen, ist fast unmöglich, jedenfalls für mich.
    Es gibt ja so Daumenregeln, etwa das KGV darf nicht mehr als das Doppelte des Wachstums betragen (z.B. bei 15% Gewinnwachstum nicht mehr als 30). Mein Modell ist halt etwas ausgefeilter und berücksichtigt noch die Dividenden. Eine willkürliche Grenze, wann was zu teuer ist, habe ich nicht. Das hängt z.B. auch von dem zyklischen Charakter einer Aktie ab und insgesamt von der Risikobereitschaft. Je geringer das Geschäftsrisiko, desto länger darf das Unternehmen brauchen, um seinen Kurswert wieder einzuspielen.

    Außerdem verlasse ich mich ja gar nicht unbedingt auf die Bewertung, sondern vielmehr auf die Analyse des Geschäftsmodells, die Bewertung nach dem oben geschilderten Modell sagt mir nur, ob eine Aktie evtl. überteuert ist oder auch nicht. Z.B. würde ich das gerne nutzen, um Nachkaufsmöglichkeiten auszuloten oder auch zu entscheiden, ob eine Aktie massiv überbewertet ist.

    Nach dem ersten Mai werde ich meinen Monatsbericht machen und dabei auch das neue Bewertungsmodell anwenden. Dann wird sich vieles zu meinem Bewertungsmodell klären.

  • #6

    Stefan (Montag, 27 April 2015 22:27)

    Danke für die Arbeit!

  • #7

    Alexander (Dienstag, 28 April 2015 20:29)

    "Außerdem verlasse ich mich ja gar nicht unbedingt auf die Bewertung, sondern vielmehr auf die Analyse des Geschäftsmodells, die Bewertung nach dem oben geschilderten Modell sagt mir nur, ob eine Aktie evtl. überteuert ist oder auch nicht. Z.B. würde ich das gerne nutzen, um Nachkaufsmöglichkeiten auszuloten oder auch zu entscheiden, ob eine Aktie massiv überbewertet ist."

    Diese Aussage ist überzeugend. Ich bin gespannt, wie sich das System weiterentwickelt bzw. bewährt. Mit Backtest meinte ich jetzt nicht, irgendwelche Kursprognosen daraus abzuleiten, sondern ob eine grundsätzliche Tendenz gegeben ist und es in den vergangenen Jahren Hinweise gegeben hätte. Ich denke, du weißt wie ich es meine.

  • #8

    Pensionär (Mittwoch, 29 April 2015 10:42)

    Ich rechne überhaupt nicht und ich habe auch nie versucht Berechnungen anzustellen. Allein mein Bauchgefühl hat Entscheidungen getroffen. Mein Bauchgefühl hat sich lediglich gefragt: Was produziert die Firma, wird das Produkt auch in 10 Jahren noch gebraucht und ist das Unternehmen vielleicht sogar Marktführer in dieser Branche. Dann stoß ich auf Werte wie Unilever, Microsoft, Philipp Morris, Intel, Du Pont,Johnson & Johnson, HSBC, Pfizer,Glaxo Wellcome, Dt. Telekom, Royal Dutch und RWE. Meine ersten Beteiligungen erwarb ich anfangs der 80ziger Jahre. Diese Firmen haben nicht nur sich selbst bezahlt, sondern auch meine Totalverluste wie Worldcom, AIG und RBS bei weitem abgedeckt.
    Zu meinen Erstkäufen gehörten auch Nestlé und Procter & Gamble. Da hat sich mein Bauchgefühl getäuscht, oder der Kopf hat entschieden, denn beide Werte habe ich nach einigen Jahren verkauft.

  • #9

    Schildkröte (Mittwoch, 29 April 2015)

    @ Pensionär:
    Und bist Du mit der Deutschen Telekom und RWE wirklich glücklich (geworden)? Ein Blick auf die Kennzahlen und aufs Geschäftsmodell (sowie bei RWE auf den Energiemix und die politische Unsicherheit) sollten das Bauchgefühl eines Besseren belehren.
    Bei AIG sagt mir mein Bauchgefühl, dass das Unternehmen inzwischen Allianz & Co. wieder die Stirn bieten kann. Auch General Motors wurde inzwischen durch einen Einstieg von Warren Buffett geadelt. Dumm nur, dass es zwischenzeitlich sowas wie Chapter 11 gab, was für einiges an Bauchschmerzen gesorgt haben dürfte.

  • #10

    Pensionär (Mittwoch, 29 April 2015 22:57)

    @Schildkröte
    Mit der Deutschen Telekom bin ich sehr glücklich geworden. Damals habe ich sogar für meine Kinder und meiner Frau Depots bei der DAB eröffnet um die max. mögliche Zuteilung zu bekommen. Für das Stück zahlten wir 28,50 DM, für etwas über 30 DM habe ich dann an der Börse noch Mal nachgekauft. 5 Jahre später habe ich dann die Hälfte für 60 Euro verkauft. Euro nicht mehr DM. Das war ein sehr gutes Geschäft. Dass die Telekom dann sogar über 100 Euro stieg hat mich nicht geärgert. Die andere Hälfte ist immer noch in den Depots und dümpelt nun wieder zum Einstiegskurs vor sich hin, aber über die steuerfreie Dividende freuen wir uns immer wieder.
    Bei REW, HSBC und auch bei Nokia habe ich auch die Hälfte verkauft als sie 100% gestiegen sind. Die andere Hälfte bleiben im Depot, sind für mich Gratisaktien.
    Die AIG kann ich aus meiner Sicht noch nicht mit Allianz vergleichen. Sie stehen bei mir immer noch mit -78% im Depot. Die Allianz habe ich im Oktober 2008 für 56 Euro gekauft und sie hat sich seither beinahe verdreifacht. Längst hätte ich auch da die Hälfte wieder verkauft, aber das bringt mir nichts, weil ich zur Zeit keine vernünftigen Wiederanlage-Möglichkeiten sehe.

  • #11

    Schildkröte (Donnerstag, 30 April 2015 16:00)

    @ Pensionär:
    Also verkaufst Du oft die Hälfte einer Aktienoption, um teilweise Kasse zu machen und behältst den Rest? Bei AIG sitzt Du Deine Kursverluste aus?
    Seinen persönlichen Einstandskurs muss man ausblenden. Entscheidend sind die gegenwärtige Bewertung einer Aktie sowie die Zukunftsaussichten des entsprechenden Unternehmens.
    Wenn Du die Aktien der Deutschen Telekom vor 2009 erworben hast, dann ist die Dividende tatsächlich steuerfrei. Wer sich die Aktien der Deutschen Telekom oder auch der Deutschen Post später gekauft hat, für den sind Dividenden nur zunächst steuerfrei, da die Dividende auf den Einstandskurs angerechnet wird und bei einem späteren Verkauf so nachträglich versteuert wird.
    Bei der Deutschen Telekom stören mich das hohe KGV, die vielen Schulden, die bescheidene Eigenkapitalrendite und die schwierige Branchensituation in Europa. Dann doch lieber AT&T.

  • #12

    Chris (Donnerstag, 30 April 2015 16:18)

    @Schildkröte @Pensionär
    Eine Aktie zu verkaufen, nur weil sie um X% gestiegen ist, halte ich persönlich für nicht besonders zielführend.
    Wieso & wann man sich von einem Unternehmen trennen sollte, darüber habe ich hier geschrieben ( http://www.gieristgut.com/verkauf-einer-aktie/ ) Dieser Ansatz macht in meinen Augen am meisten Sinn und fokusiert sich nicht darauf, ob ein Unternehmen überbewertet ist, sondern ob es noch ein "gutes" Unternehmen ist.
    Natürlich kann man auch mit einer Margin of Safety arbeiten, jedoch glaube ich, dass man hier die meiste Zeit daneben liegt.

    Wenn man verkauft, weil man Cash benötigt, dann ist das ein sehr guter Grund. Wenn man aber eine Position teilverkauft, um zu sagen das man jetzt kein Risiko mit diesem Unternehmen mehr hat, hat einfach einen massiven Denkfehler. Dieser Denkfehler wird über kurz oder lang viel Geld kosten...

    Viele Grüße

  • #13

    Christian (Donnerstag, 30 April 2015 16:55)

    Der Ansatz so viele Aktien zu verkaufen, bis man seinen Kaufkurs quasi wieder drin hat, ist natürlich verführerisch, klingt aber auch ein bisschen danach, dass man sich nicht so wirklich mit seinen Aktien wohlfühlt.
    Ich selbst verkaufe Aktien dann, wenn es sich um stark angestiegene relativ riskante Wachstumsaktien handelt, wie z.B. GFT, bei denen ich einen Teilverkauf gemacht habe, um einfach den Anteil dieser Position am Portfolio wieder zu reduzieren.
    Der zweite Grund ist der, dass ich mit dem Geschäftsmodell nicht mehr zufrieden bin. Das war der Grund (neben der Überbewertung) warum ich mich letztes Jahr von Procter & Gamble getrennt habe.
    Überbewertung kann auch ein Grund sein, aber dann tut es mir oft in der Seele weh, wenn es sich um ein gutes Unternehmen handelt. Das war bei 3M so.

    Kursziele definiere ich nicht, das ist bei einer Langfristanlage ja auch ziemlich sinnlos. Wenn eine Aktie stark gestiegen ist, schaue ich allerdings genauer hin, um zu sehen, ob das hohe Kursniveau auch berechtigt ist.

  • #14

    Pensionär (Freitag, 01 Mai 2015 11:51)

    @Chris
    Einen massiven Denkfehler der mir irgendwann viel Geld kosten wird kann ich nicht nach vollziehen. Ein Teilverkauf kann zu entgangenen Gewinnen führen. Aber darüber habe ich mich noch nie geärgert, denn ich habe ja immer noch die Hälfte der Papiere im Depot. Deine Verkaufsstrategie erfordert ein Studium der fundamentalen Kennziffern und kostet somit viel Zeit. Das kann man machen wenn man nur sehr wenige Unternehmen in sein Depot hat, oder eben sehr viel Zeit hat.

    @Schildkröte
    Ja, bei AIG, Bank of America, Citigroup und Nokia sitze ich die Verluste aus, weil ich meine , dass einige den Turnaround hinbekommen werden. Andere Werte, wie Worldcom und RBS habe ich mit hohen Verlusten verkauft.
    Ein Wort noch zu Worldcom: Da gab es mal einen hochgelobten Fondsmanager namens Kaldemorgen, der hat die Aktie von Worldcom als sehr gutes Investment eingestuft. Wenige Wochen später war die Firma pleite. Klaus Kaldemorgen ist dabei sicher nicht seinen Bauchgefühl gefolgt, vielmehr wird er und sein Team diese Firma und deren Bücher genauestens studiert haben. Wie schlecht es um die Firma stand, konnten sie anhand Fakten und Daten nicht erkennen.

    @Christian
    Sei mir nicht böse, aber wenn ich in dein Depot schaue und mir vorstelle, es wäre mein Depot... ja dann, wäre mir sehr schnell unwohl. Das soll keine Kritik sein, aber ich denke, dass deine Depotwerte schon immer wieder überprüft werden müssen. Procter&Gamble und 3M hast du ja nicht mehr...

    Ich brauche in mein Depot eigentlich nicht mehr sehr oft schauen. Sollte eine Aktie auf Null stehen, dann lass ich sie ausbuchen. Bis jetzt ist das einmal passiert.

    Sollten Unternehmen, wie Altria und PMI als Rauschgiftproduzenten verboten werden und Microsoft und Intel das gleiche Schicksal wie Nokia erleiden, dann bin ich deshalb keinen Augenblick traurig.