Das Stockpicker Manifest

Die Auseinandersetzung mit dem Thema Statistik hat für mich selbst überraschende Folgen: Eine unerwartete Klärung des eigenen Anlagestils.

 

Vieles hat sich in letzter Zeit schon angedeutet: Eine stärkere Betonung des Geschäftsmodells zum Beispiel. Auch habe ich immer wieder meine Sichtweise auf bestimmte Kennzahlen verändert. Wenn jeder, wirklich jeder Aktienanleger sie beachtet, kann es doch kaum noch einen besonderen Vorteil bringen, es ebenso zu machen?

 

 

Letztlich habe ich meine Erkenntnisse und Zweifel in einer Art Reglement zusammengefasst: Das „Stockpicker Manifest“. Das kommt aber erst am Schluss dieses Artikels. Zuerst noch eine kleine „Parabel“, zur Veranschaulichung dessen, was ich meine:

 

Das Hütchenspiel


Du beobachtest einen Hütchenspieler: Nach einiger Zeit fällt dir auf, dass die „Nuss“ offenbar häufiger unter dem mittleren Hütchen zu liegen kommt, als unter den beiden äußeren. Nach 40 Runden sind 40% aller Nüsse am Ende in der Mitte gelandet. Da du für einen Euro Einsatz drei zurückbekommst, wenn du auf das richtige Hütchen gesetzt hast, rechnest du dir aus, wie hoch der Erwartungswert für den Gewinn pro Einsatz ist, wenn du nur auf das mittlere Hütchen setzt.


2€ Gewinn * 0,4 – 1€ Verlust * 0,6 = 0,2€


Dabei sollt also auf Dauer ein Gewinn von bis 20% herausspringen. Da steigen wir doch sofort ein, oder? Nicht? Warum nicht?


Warum mechanische Anlagestrategien scheitern


Sobald der Hütchenspieler mitbekommt, dass man ständig auf das mittlere Hütchen setzt und ihm damit Geld abnimmt, wird er seine Strategie umstellen und der Vorteil ist dahin. Übertragen auf den Geldmarkt: Wenn andere mitbekommen, dass mit dem Setzen auf eine bestimmte Kennzahl, auf ein bestimmtes Verhalten des Marktes, Geld zu verdienen ist, ist es vorbei damit. Sobald eine gewinnbringende Strategie erkannt wird, die leicht nachzuahmen ist, ändert der Markt mitten im Spiel die Regeln und der Verlierer ist der Anleger. Der kleine Unterschied zum Hütchenspieler ist nur der, dass die Anpassung über die Marktpreise (Aktienkurse) geschieht. Mann müsste also für das Setzen auf das mittlere Hütchen mehr als einen Euro bezahlen.


Dazu kommt, dass den meisten Strategien aus den im Statistikbeitrag genannten Gründen sowieso nicht zu trauen ist. Das gälte im übrigen auch für den Hütchenspieler oben: Die Datenbasis ist viel zu klein, um aussagekräftig zu sein und mehr als 40 Jahre (Runden) umfassen die wenigsten Untersuchungen am Hütchen... äh Aktienmarkt.


Jetzt aber das versprochene Manifest. Bitte aber zu beachten, dass das Ganze ein Lernprozess ist und wer weiß, vielleicht sieht die Welt in meinem Kopf in einem Jahr schon wieder ganz anders aus. (Ich hoffe nicht!)


Das Stockpicker Manifest

 

  1. Der Kauf einer Aktie ist eine Einzelfallentscheidung. Man kauft Anteile an einem Unternehmen, das individuell zu beurteilen ist.

  2. Das erste und wichtigste Kriterium für einen Aktienkauf ist das Geschäftsmodell. Kaufe niemals eine Aktie nur nach den Zahlen, sondern nur, wenn du glaubst, dass das Geschäft qualitativ gut ist und Zukunft hat.

  3. Der Gewinn liegt im Einkauf, darum ist der Preis natürlich sehr sehr wichtig. Ein hervorragendes Unternehmen ist aber selten billig, dafür oft zu teuer. Und leider gibt es keine Garantie, dass der Preis des Unternehmens jemals wieder auf den Stand zurückkommt, den es gestern noch hatte.

  4. Suche nach billigen Aktien, erwarte aber nicht, dass dir die Geschäftsmodelle gefallen. Meistens hat es einen guten Grund, dass eine Aktie preiswert ist. Suche nach dem Haar in der Suppe und suche gründlich.

  5. Kaufe niemals eine Aktie, allein weil sie einem bestimmten Kennzahlenmuster entspricht. Oder glaubst du wirklich, du seist der Einzige, der diese Kennzahlen anschaut? Millionen machen das!

  6. Unterschätze die Intuition nicht. Niemals wird man ausreichende und garantiert korrekte Informationen zum Kauf einer Aktie haben. In solchen Situationen kann Intuition, sofern sie auf ausreichende Erfahrung gründet, hilfreich sein. Kaufe nie gegen dein Bauchgefühl. Das gilt aber ausdrücklich nicht für Anfänger.

  7. Vergiss jede Benchmark, den DAX, den MDAX, den MSCI World. Selbst nach 30 Jahren wirst du nicht letztgültig entscheiden können, ob es nur Glück oder Pech war, das sich an deine Fersen geklebt hat.

  8. Ein Geschäftsmodell ist eine Geschichte, die du dir erzählst. Konzentriere dich auf die Fakten, die in deine Unternehmensstory nicht hineinpassen.

 

(Befolgung dieser meiner persönlichen Regeln auf eigene Gefahr!)


Beruhend auf den hier vorgestellten Kriterien werde ich in den nächsten Wochen und Monaten alle meine Aktien nochmals durchleuchten und evtl. auch meinen Anlagestil überdenken. Dieser Prozess geht nicht von heute auf morgen, sondern will gut überlegt sein. Der Blog wird euch dabei auf dem neuesten Stand halten.

 

Damit die Regeln nicht im Blog verloren gehen, werde ich ihnen einen eigenen Menupunkt gönnen.

 

Eine schöne Woche allen Lesern,

Christian

 

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Kommentare: 11
  • #1

    Michael C. Kissig (Montag, 20 April 2015 09:35)

    Eine gute Idee! Man sollte sich eine Investmentstrategie zurechtlegen und an dieser konsequent festhalten. Wenn man von ihr ständig abweicht, ist sie eh überflüssig. Allerdings muss man die Strategie ab und zu auf ihren Erfolg überprüfen und schauen, ob man sie verbessern kann oder ob sie Schwachstellen aufweist. Das ist ein Prozess, der über viele Jahre läuft und auch verschiedene Marktphasen beinhalten sollte. Denn in einer Hausse zufriedenstellende Kursgewinne zu erzielen, ist relativ einfach. Ob eine Strategie funktioniert sieht man erst, wenn man damit auch in turbulenten Börsenzeiten, wenn die eigene Psychologie einem einen Strich durch die Rechnung machen will, erfolgreich operieren kann.

    Ich wünsche Dir jedenfalls viel Erfolg bei der Umsetzung!

  • #2

    Schildkröte (Montag, 20 April 2015 10:55)

    Wir sind uns sicher darin einig, dass es nicht DEN einen Anlagestil gibt, sondern vielmehr eine Kombination verschiedener Anlagestile sinnvoll ist. Unter diesen Gesichtspunkten ist jedes Investment jeweils eine einzelfallabhaengige Ermessensentscheidung. Intuition und Erfahrung sind wichtig. Aber überschätzen sollte man sie nicht. Nur weil man als Konsument von einem Produkt überzeugt ist, muss die Aktie des Unternehmens dahinter automatisch gut bzw. günstig sein. Und über einen längeren Zeitraum hinweg halte ich Benchmarkvergleiche schon für wichtig. Wenn man dauerhaft (!) dem Markt deutlich (!!) hinterherhinkt, sind Indexfonds/ETFs womöglich doch die geeignetere Anlageklasse.

  • #3

    Alexander (Montag, 20 April 2015 18:03)

    In einem Jahr schaut es in deinem Kopf anders aus ;)
    Solange man sich hinterfragt, entwickelt man sich weiter, alles andere ist Stillstand. Wie du schreibst, nützen die besten Statistiken und theoretischen Ansätze nicht viel, aber irgendwas muss man dann doch rechnen und überlegen. Ein bisschen Statistik ist dann doch gut. Punkt 6 ist eigentlich das Wichtigste. Ich höre inzwischen recht häufig auf meinen Bauch (was Anfänger wirklich nicht machen sollten!), aber wahrscheinlich kommt da doch etwas Erfahrung hinzu. Beim Lesen von Meldungen, Zahlen, Geschäftsberichten hat man irgendwann recht schnell ein Gefühl, ob es interessant wird oder man die Finger davon lässt. Ich überarbeite meine Strategie auch von Zeit zu Zeit, bleibe ihr aber im Kern treu. Auch die Ziele muss man unter Umständen neuen Gegebenheiten anpassen (nicht unbedingt ändern).

  • #4

    Christian (Montag, 20 April 2015 20:11)

    Danke für eure Kommentare!

    @Michael: Jep. Ich war etwas unglücklich mit meiner relativ unscharfen Strategie. Allerdings fehlt jetzt noch eine gute Grundlage für die Bewertung. Da habe ich ein wirklich feststehendes Reglement noch nicht gefunden. Da arbeite ich noch dran. Aber wo du dich schon mal meldest: Wann erfolgt denn dein nächster Kauf? Bei Starbucks waren wir ja voll im Gleichklang, von daher bin ich neugierig.

    @Schildkröte: Intuition beruht bestimmt nicht auf meiner Erfahrung als Konsument. Das sage ich den McDonalds Aktionären auch, die immer sagen "aber meine Filiale ist immer randvoll". Intuition bezieht sich bei mir tatsächlich auf den Geschäftsbericht. Nur dass man dazu schon so einige gelesen haben muss. Deine Ausrufezeichen bei der Benchmark habe ich zur Kenntnis genommen, aber lass mich trotzdem darauf hinweisen, dass das statistisch null Aussagekraft hat, selbst wenn ich 5 Jahre komplett allen Indizes hinterherhinke oder voraus laufe. Indexfonds sind etwas für Investoren, die weder Zeit noch Lust haben, sich mit der Materie zu befassen - also 95% der Bevölkerung.

    @Alexander: "In einem Jahr schaut es in deinem Kopf anders aus ;)" Ich fürchte auch. "Panta rhei" (alles fließt) ist das Motto.

    Wie bereits erwähnt fehlen an dem Ganzen noch die Regeln für die Bewertung und da hapert es noch ein bisschen bei mir. Ich bin mir aber sicher, dass da auch bald was kommt. Es arbeitet jedenfalls schon in mir.

  • #5

    Michael C. Kissig (Montag, 20 April 2015 22:12)

    @Christian
    Momentan habe ich kein Unternehmen im Fokus für ein neues Engagement. Ich habe kürzlich nur meine kleine Position in Balda aufgestockt und schaue mir immer mal wieder A.P. Moeller-Maersk an. Insgesamt halte ich eine etwas höhere Cashquote (gute 15%) und greife nur bei den bestehenden Werten zu, wenn mal einer etwas taumelt, also rund 10% abgibt. So hatte ich bei der Deutschen Rohstoff etwas aufgestockt, so dass meine Depotposition inzwischen sogar knapp zweistellig im Plus ist, obwohl mein Ersteinstieg ja bei 21 erfolgte. Die DRAG halte ich weiterhin für sehr aussichtsreich. Und Blackstone, die sind für mich auch auf dem neuen Alltime-High weiterhin ein Kauf!

  • #6

    Chris (Montag, 27 April 2015 22:27)

    Hallo Christian,
    eine Checkliste halte ich für überaus wichtig, um irgendwelche nicht rationalen Entscheidungen zu eliminieren. Ich "hatte" auch mal eine Checkliste, aber von dieser bin ich eigentlich wieder abgekommen. Für mich ist einfach wichtig, dass das Gesamtpaket aus Geschäftsmodell, Zahlen und Management passt. Bei einer "zu" weichen Checkliste macht die Checkliste nur noch beschränkt Sinn und bei einer zu harten fallen, in meinen Augen, zu viele interessante Investmentmöglichkeiten weg.

    Vor einigen Tagen ist auf Valuewalk die Checkliste von Walter Schloss erschienen: http://www.valuewalk.com/2015/04/walter-schloss-checklists/
    Sehr interessante Checkliste, nicht nur weil Schloss ein großartiger Investor war. Leider ist Schloss sehr auf die reinen Zahlen fixiert und weniger auf das Geschäftsmodell und eine entsprechende Moat.

    Viele Grüße

  • #7

    Christian (Dienstag, 28 April 2015 10:51)

    Hallo Chris,
    in deinem Sinn ist meine Checkliste sehr weich. Das soll sie auch sein, denn jedes Unternehmen ist individuell und hat seine Besonderheiten, die selten in ein Schema passen. Es ist auch weniger eine Checkliste, als eine Reihe von Grundannahmen, auf die ich mich stütze.

    Zu deinem Schluss: "Für mich ist einfach wichtig, dass das Gesamtpaket aus Geschäftsmodell, Zahlen und Management passt",
    kommt am Ende glaube ich fast jeder. Die Altvorderen wie Walter Schloss haben sehr viel mehr auf die Zahlen geachtet, einfach aus dem Grund, weil die Zahlen damals nicht jedem einfach so zur Verfügung standen. Heute reichen ein paar Klicks und ich habe den Geschäftsbericht einer beliebigen Firma auf meinem Bildschirm. Das heißt, dass der Vorteil, den ich deshalb habe, weil ich auf die Zahlen achte, heute sehr viel geringer ist. Viel mehr Investoren als damals sind sehr gut über die Lage fast jedes Unternehmens auf dieser Welt informiert.

    Auch Warren Buffet hat zu seinen Anfängen vor allem auf die Zahlen geachtet, bis dann Munger den Aspekt der Qualität mehr in den Vordergrund stellte. Der Spruch "lieber ein hervorragendes Unternehmen zu einem guten Preis, als ein gutes zu einem hervorragenden Preis." Stammt ja glaube ich von Munger.

  • #8

    Fullhouse1 (Dienstag, 28 April 2015 12:01)

    Deine Regeln sind noch sehr vage formuliert. Die passen für alle oder keine Aktie. Mir fehlen da noch Bewertungskriterien. Aber auch dann wird man nicht wesentlich mehr Erfolg haben als der gesamte Markt. Oftmals unterliegen Auf- oder Abwärtsbewegungen keiner erkennbaren Logik/ Systematik. Den Ansatz von Alexander halte auch ich für erfolgversprechend. Verbunden mit viel Geduld im Erfolgsfall. Kurzfristige Gewinnmitnahmen erhöhen das Risiko von nachfolgenden Fehlgriffen.
    Auf den anderen Seite wenn die Aktie nicht anspringen will, verkaufe und suche eine andere. Die beste Story nützt nichts, wenn nur Du sie (vermeintlich) erkennst.

  • #9

    Christian (Dienstag, 28 April 2015 19:56)

    "Deine Regeln sind noch sehr vage formuliert." Das ist Absicht. Es geht nicht um konkrete Handlungsanweisungen, sondern um die Philosophie, die dahinter steckt.

    So ganz habe ich aber nicht verstanden, worauf du hinaus willst. Vielleicht verstehst du besser, wie ich das praktisch handhabe, wenn du dir meine Beiträge zu Einzelaktien mal anschaust. Überhaupt werden viele Dinge von dem, was ich in den letzten beiden Beiträgen gesagt habe, erst dann richtig deutlich, wenn ich beschreibe, wie ich es praktisch anwende. Da wird sich dann das eine oder andere auch noch verändern.

    Übrigens: Über kritische Beiträge bin ich immer sehr dankbar!

  • #10

    Michael C. Kissig (Freitag, 01 Mai 2015)

    @Christian
    Nun ist es doch schneller geschehen als gedacht und ich habe mit WCM ein neues Unternehmen auf die Empfehlungsliste genommen. ;-)

  • #11

    Christian (Samstag, 02 Mai 2015 13:13)

    Danke für die Info. Immobilienaktien sind für mich allerdings bisher Terra incognita und werden es vermutlich auch bleiben.