Im Schatten des Schweizer Frankens

Eigentlich hatte ich ein anderes Thema vorgesehen, doch aus aktuellem Anlass und weil es mich hier an der Grenze direkt betrifft nun ein Beitrag über den Paukenschlag der Schweizer Nationalbank. 


Nick Hayek, der Chef der Swatch-Group sprach von einem Tsunami. Nestle- und Rochebesitzer außerhalb der Schweiz freuten sich über einen schönen Kursgewinn ihrer Aktien in Euro, während die Aktienbesitzer in der Schweiz herbe Verluste hinnehmen mussten. Die Freigabe des Franken sieht viele Gewinner, aber auch viele Verlierer. Gewinner waren auf jeden Fall einige mir bekannte Studenten an der Basler Uni, die rechtzeitig ihre Studiengebühren (500SFr) überwiesen haben. Aber welche Wirkungen wird die Freigabe noch haben?


Die Versuche, Währungen auf einen festen Wechselkurs festzulegen, sind in der Geschichte noch immer gescheitert. Zu Zeiten des Goldstandards mag das noch einigermaßen erfolgreich verlaufen sein, doch spätestens seit das Bretton-Woods Abkommen aufgekündigt wurde, ist es damit vorbei. Vor allem sind die Kollateralschäden solcher regulatorischen Maßnahmen oft größer, als der primäre Nutzen. Die Versuche der Schweiz, sich vom europäischen Wirtschaftsraum abzutrennen, sind gescheitert. Nun steckt die Schweiz in einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit.


Was sind die Folgen?


Die Stützungskäufe haben in den letzten drei Jahren ein Devisenpolster von 500 Mrd. Franken erzeugt. Zwar machte die SNB damit letztes Jahr einen Gewinn von sagenhaften 38 Mrd. Franken, doch steht dem jetzt ein Verlust von 75-100 Mrd. gegenüber, je nachdem sich die Wechselkurse einpendeln. Aber nicht nur die Zentralbank ist betroffen: Alle Institutionen, die im Ausland investiert haben, speziell die Pensionsfonds in denen jeder Schweizer Arbeitnehmer Zwangsmitglied ist, dürften leiden.


Die Exportindustrie, speziell die kleineren Betriebe, denen es nicht möglich war, nennenswerte Teile der Produktion ins Ausland auszulagern, werden das kaum ohne größere Einbußen verkraften können. Bei den Multinationalen Unternehmen wird man sich fragen müssen, ob man dem Standort Schweiz weiterhin die Treue halten möchte. Eine Nestle, die in Franken bilanziert, aber den Großteil ihrer Einkünfte in Euros oder Dollars macht, kann sich leicht ausrechnen, was das für Umsatz und Gewinn bedeutet. Meiner Ansicht nach steht die Schweiz vor einer Rezession, ganz sicher aber vor einer Deflation und viele kleinere Maschinenbauer werden das nicht überleben.


Hier im Grenzland wird man das mit sehr gespaltenen Gefühlen sehen. Der Handel und auch das Handwerk werden zunächst sicher profitieren, andererseits hat niemand etwas davon, wenn auf der anderes Seite des Rheins Betriebe sparen müssen oder gar dichtmachen und Grenzgänger ihre Arbeit verlieren, die gerade jetzt eine nette „Gehaltserhöhung“ kassiert haben.


Ein Land, das glaubt sich von seiner Umgebung abschotten zu können, ignoriert die Realitäten und wird bestraft, wie es uns Herr Gorbatschow einstmals schon klargemacht hat. Und alle, die jetzt noch glauben, dass ein Euroaustritt für Deutschland kein Problem sei, sollten sich das Schauspiel in der Schweiz bitte besonders genau anschauen. Genauso würde es bei uns auch laufen. Aber mit den Realitäten der Finanzmärkte haben es so manche Professoren der Volkswirtschaft ja ohnehin nicht so. Schon Kostolany attestierte dieser Klasse eine durch Gehirnwäsche veränderte Denkweise, die es ihnen unmöglich mache, die Realitäten der Märkte zu verstehen.


Ich selbst profitiere ganz klar davon. Bei der nächsten Geldüberweisung aus der Schweiz von meiner Herzallerliebsten wird in Euro einiges mehr auf dem Sparkonto landen. Jetzt heißt es nur rechtzeitig für die Steuernachzahlung im nächsten Jahr zu sparen. Die wird gigantisch sein. Zu den Verlierern gehört zum Beispiel meine Heimatgemeinde, die sich im letzten Jahr dummerweise dazu entschlossen hat, ihre Frankenkredite nicht abzulösen. Und natürlich gibt es hier an der Grenze naturgemäß viele Leute, die ihre Hypotheken in Franken laufen haben. Das sind dann oft genau die Gleichen, denen Aktien viel zu riskant sind und die uns Aktionäre als Spekulanten bezeichnen. Letztlich habe ich bei der Sache aber insgesamt ein sehr ungutes Gefühl.

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